Atheismus in der Schweiz
«Gibt es einen Gott?
Das kommt darauf an, ob man Anhänger der These ist, dass für jeden Mist irgend jemand verantwortlich sein muss.»
Das Usenet Orakel

Missionierung statt Hilfe

Der Tagesschau Beitrag

Zum fünften Jahrestag der grossen Tsunamiwelle in Südostasien brachte das Schweizer Fernsehen am 26.12.2009 einen kritischen Bericht zu den fragwürdigen Leistungen der Hilfswerke auf der Thailändischen Insel Koh Pratong1)

Ein Ethnologe namens Oliver Ferrari sagt in dem Beitrag: «Die Einheimischen sagen, das schlimmste war nicht der Tsunami, sondern all die Hilfsorganisationen, die danach auf die Insel strömten. Sie nennen dies sogar den zweiten Tsunami.» (50"-1'). Dann wird eine Bauruine gezeigt, mit dem Kommentar: «Oder an diesem Ort hier sind die Bewohner gar von einer christlichen Hilfsorganisation geflohen, damit sie ihren ursprünglichen Glauben weiter leben dürfen.» Darauf sagt der wiederum der Ethnologe: «Die Missionare haben die Hälfte des Dorfes zum Christentum bekehrt und ihnen verboten, ihren Ahnenkult weiter zu leben. Sie verboten einfach alles, was nicht dem Christentum entspricht, sogar Amulette zu tragen.» (1'19"-1'45")

Machtmissbrauch durch Hilfswerke

Dieses Beispiel zeigt in aller Deutlichkeit, dass helfen nicht einfach ein Akt der Nächstenliebe ist. Helfen bedeutet Macht, und gerade von Hilfswerken, die sich deutlich zum Christentum bekennen, wird diese Macht schamlos ausgenutzt, um den Menschen nicht zu helfen, sondern sie von ihrem traditionellen Glauben abzubringen und zum Christentum zu bekehren.

Politische Forderung

Darum fordert atheismus.ch schon lange, dass Glaube und Hilfeleistungen nicht vermischt werden dürfen. Dies führt insbesondere zu der konkreten politischen Forderung, dass Kirchen in der Schweiz vom Staat keinerlei soziale Aufgaben mehr übertragen werden dürfen, und dass soziale Leistungen ausschliesslich vom Staat in weltanschaulich neutraler Form erbracht werden sollen.

Dies führt in der Konsequenz dann auch dazu, dass die Kirchensteuer für juristische Personen abgeschafft werden muss, welche in einigen Kantonen (z.B. Zürich) erhoben wird, und die ohnehin dem Menschenrecht auf Religionsfreiheit widerspricht. Ebenso abgeschafft gehören jegliche weiteren Zuwendungen an die Kirchen, auch das staatliche Eintreiben der Mitgliederbeiträge (Kirchensteuern).

Stattdessen könnte man eine Sozialsteuer in der gleichen Höhe einführen. Damit kann der Staat die Leistungen übernehmen, die nur ihm zustehen, um für alle Menschen in der Schweiz die notwendigen sozialen Leistungen zu erbringen, unter demokratischer Kontrolle und unabhängig von Religion.

Einige fragwürdige Missionswerke

Leider hat das Schweizer Fernsehen den Namen des «Hilfswerks» nicht genannt. Allerdings gibt es sehr viele «Hilfswerke», welche christliche Mission und die Verbreitung des Evangeliums als wichtigen Daseinszweck erachten.

Ein Beispiel für ein angebliches Hilfswerk, welches seine Gelder für Missionszwecke missbraucht, ist die Organisation Latin Link. Diese vermittelt beispielsweise in einem «Lehrbuch» für Hörgeschädigte ausschliesslich christliche Begriffe. Wenigstens macht sie in ihrem Internetauftritt keinen Hehl daraus, dass die christliche Mission ihr Hauptzweck ist.

Ein weiteres Missionswerk, das sich als Hilfswerk tarnt, ist das HMK. «Hilfe» bedeutet für das HMK z.B. in Ägypten: «Ausbildung für Evangelisation und Gemeindebau unter Moslems.»

Bekannter, aber nicht weniger fragwürdig ist die «Heilsarmee», die sich gerne als «Hilfswerk» verkauft, aber es als ihren Auftrag ansieht, «das Evangelium von Jesus Christus zu predigen».

ZEWO und Warnung vor dem «SEA Ehrenkodex»

Spendern sollten generell einer unbekannten Organisation kein Geld geben und vor jeder Spende genau abklären, wer hinter der Organisation steht, was sie vertritt, welche Referenzen sie hat, und allenfalls ob sie ein ZEWO Zertifikat tragen darf. Ein ZEWO Zertifikat ist zumindest ein Hinweis darauf, dass das Hilfswerk unabhängig geprüft wurde und ihre Hilfe nicht von weltanschaulichen Eingeständnissen abhängig macht.

Die oben genannten Missionswerke erhalten kein ZEWO Zertifikat. Darüber hat sich der hier gesperrte Nutzer HJP auf mittlerweile insgesamt zehn Internetseiten ereifert. Das zeigt wenigstens, dass dieses Siegel zumindest eine minimale Qualität garantieren kann.

Eine Organisation hingegen, die auf den SEA Ehrenkodex verweist, ist kein Hilfswerk, sondern eine Missionierungswerk von christlichen Extremisten. «SEA» bedeutet nichts anderes als «Schweizerische Evangelische Allianz» und wurde gegründet, weil die ZEWO für ihr Gütesiegel weltanschauliche Neutralität verlangt.

Spenden ist nicht helfen

Wie aber obiges Beispiel zeigt, sollte man mit Spenden und vermeintlichen Hilfeleistungen durch Geld anonymisiert über eine Hilfswerke sehr vorsichtig sein. Letztlich sind Hilfswerke auch Organisationen, die vom Elend leben und auf das Elend angewiesen sind. Jede Hilfe ist auch immer eine Einmischung, die ganz andere Auswirkungen zeigen kann, als vom Spender eigentlich gewollt. So kann es durchaus sein, dass eine Hilfsorganisation durch ihre Hilfe an die Bevölkerung eine langfristige Abhängigkeit erzeugt und dabei vielleicht sogar ein diktatorisches Regime stützt, weil dieses sich letztlich durch die fremde Hilfe seine Macht erhalten kann und weniger um das eigene Volk kümmern muss. Gute Hilfe muss Hilfe zu Selbsthilfe sein, die in Ländern erfolgt, wo ein minimaler politischer Pluralismus gewährt wird.

Es ist vermessen zu glauben, man könne gesellschaftliche und politische Probleme eines fremden Landes durch simple Überweisung auf ein Spendenkonto, oder gar durch Einmischung von aussen über Hilfsorganisationen lösen. Das Beste, was wir tun können ist zuerst einmal selbst vorzuleben, was gute Demokratie und Solidarität im eigenen Land ausmacht, bevor man beginnt sich in fremder Leute Probleme einzumischen.

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