Atheismus in der Schweiz
Buh!
«Ich tat reinen Gewissens und gläubigen Herzens meine Pflicht.» Adolf Eichmann, SS-Obersturmbannführer und Massenmörder

Aktion gegen Bibeln in Spitalzimmern

Ähnlich wie bei den Bibeln in Hotelzimmern verhält es sich bei Bibeln im Spitalzimmer: Die gehören da nicht hin! Schlimmer noch, im Gegensatz zum Hotel handelt es sich beim Spital um eine staatliche Institution, die ihren Kunden gegenüber umso mehr weltanschaulich neutral aufzutreten hat. Die personlichen Rechte eines unserer Mitglied wurden verletzt, indem man ihm als Atheisten eine Bibel ins Nachttischen stellte. Das ist ein unverschämter Affront, und ein direkter Angrif gegen seine Religionsfreiheit. Folglich beschwerte er sich beim Kantonsspital Winterthur. Nach einem ersten Verständnis heuchelnden Antwortschreiben, das aber nicht auf die Problematik einging, sondern unverschämterweise an die Spitalseelsorge verwies, schrieb unser Mitglied noch einen Brief, in dem es anfragte welche Massnahmen denn nun getroffen würde, und einige konstruktive Vorschläge einbrachte. Darauf folgte eine lapidare Antwort, es ging dem Spital nie darum, auf die Verletzung der Rechte deiner Patienten zu beenden, sondern nur darum, unserem armen dummen Mitglied zu «erklären», warum das halt so sein müsse.

Wer seine Meinung zum Thema äussern möchte, wende sich bitte an folgende Adresse:

Kantonsspital Winterthur
Direktion
Brauerstrasse 15
Postfach 834
CH – 8401 Winterthur
<ksw@ksw.ch>

Es folgt der Briefverkehr.

Erster Brief an das Kantonsspital Winterthur

Religionsfreiheit im Kantonsspital Winterthur 31.10.05

Kürzlich war ich […] bei Ihnen in Behandlung. Dabei wurde meine Rechte verletzt. Neben meinem Bett, in der Nachttischschublade befand sich eine Ausgabe des »Neuen Testaments« der christlichen »Bibel«. Dies ist ein direkter Angriff auf meine Religionsfreiheit und verletzt meine Gefühle als Atheist aufs tiefste! Ein Spital hat weltanschaulich neutral zu sein! Im Kantonsspital Winterthur ist das Gegenteil der Fall. Nicht nur werden ungefragt Bibeln in Krankenzimmern verteilt, es wurde gar eine »Spitalkirche« eingerichtet, es hängt Werbung von »Seelsorgern« herum, im »Spitalfernsehen« wird Werbung gemacht für einen Sonntags ausgestrahlten »Gottesdienst«, und eine Frau kam ins Zimmer, um uns mit der Frage zu belästigen, ob wir daran teilnehmen wollten! Eine solche Vermischung von Spital und Religion ist inakzeptabel, zumal die christliche Religion dabei in unzulässiger Weise bevorzugt wird.

Dieses Aufdrängen von »Dienstleistungen« ist typisch für das Christentum und seinen missionarischen Eifer, die ganze Welt mit dem »Evangelium« beglücken zu wollen. Es entspricht auch durchaus der rassistischen und intoleranten Auffassung des Christentums, man sei besser als alle anderen, habe die einzig richtige Religion und müsse allen anderen »helfen«, auf »den rechten Weg zu finden«. Obschon die letzten zweitausend Jahre christlicher Herrschaft nichts als Krieg, Verfolgung, Tod und Verderben im Namen Gottes über die Welt gebracht haben, obschon die Bibel ein von Blut triefendes Buch ist, dessen Gott massenhaft Völkermord begeht, und der Legende nach sogar seinen eigenen »Sohn« ans Kreuz nageln liess, obschon die Christen also nicht das Recht haben, das Wort »Moral« auch nur in den Mund zu nehmen, bilden sie sich dennoch ein, als Retter der Welt alle Menschen mit ihrem gefährlichen Unsinn beglücken zu müssen. Und Sie lassen sie auch noch nach belieben gewähren! Dies ist eine Beleidigung für alle denkenden Menschen, die nichts mit vernunftwidrigem Glauben anfangen können! Religionen sind alle gleich zu behandeln und können, wenn sie sich massvoll benehmen, im Spital allenfalls geduldet, aber sicher nicht aktiv unterstützt werden! In Ihrem Spital muss die Religionsfreiheit wieder hergestellt werden!

1. Die Bibeln in den Zimmern müssen verschwinden! Wenn jemand eine Bibel braucht, so soll er selbst eine mitbringen (abgesehen davon, dass es davon sehr viele teils ziemlich unterschiedliche Übersetzungen gibt, Sie aber nur eine Variante ausgelegt haben, und abgesehen davon, dass Sie andere religiöse Bücher (Veden, Daodejing, Koran, Thora, …) schlicht vergessen haben). Was eine akzeptable Lösung wäre: Das Spital richtet eine öffentliche Bibliothek ein, wo sich die Patienten nebst weltlicher Literatur auch religiöse Machwerke ausleihen können. Aber die Bibel mit ihren Gewaltaufrufen gegen Andersdenkende verletzt wohl ohnehin die Antirassismusstrafnorm und darf daher nicht verbreitet werden…

2. Eine Kirche im Spital ist sehr problematisch. Sie sollte geschlossen werden. Wenn man diese nicht schliessen will, so muss wenigstens eine klare Abgrenzung zum Spitalbetrieb und volle Transparenz bei der Vergabe erfolgen: Der Spital müsste seine Kirche öffentlich ausschreiben und der meistbietenden Religionsgemeinschaft (oder sonstigen Vereinigung) vermieten. Diese ist dann finanziell selbst verantwortlich. Unter gar keinen Umständen darf das Spital gewisse Religionsgemeinschaften begünstigen, oder gar finanziell unterstützen!

3. Ebenso abzuschaffen ist die »Seelsorge«. Wenn jemand eine solche benötigt, soll er sich an seine Kirche wenden, die diese auf eigene Kosten zur Verfügung stellen soll. Was hingegen wünschenswert wäre, ist eine psychologische Betreuung durch eine professionelle Gruppe von Psychologen (mit entsprechendem Studiumsabschluss). »Seelsorger« können sich im Gegensatz zu Psychologen nur um die Anhänger ihrer eigenen Religion kümmern, stehen also nicht allen Patienten zu Dienste.

4. Ebenfalls abzuschaffen ist die Fernsehübertragung aus der Spitalkirche. Ein entsprechendes Angebot hat das Schweizer Fernsehen ohnehin bereits im Angebot.

5. Niemand soll das Recht haben, Patienten mit Fragen zu Religion oder Kirchenbesuch zu belästigen. Wer eine Kirche besuchen will, soll diesen Wunsch von sich aus äussern und nicht dazu gedrängt werden. Es ist ethisch nicht zu verantworten, wenn die Krankheit und eine damit möglicherweise vorhandene grössere Labilität zur Missionierung ausgenutzt wird!

6. Die Kosten von Kirchenbesuch, »Seelsorge« und die dafür notwendige Werbefläche sind in vollem Umfange von den anbietenden Religionsgemeinschaften und den Patienten, die die Leistungen beanspruchen zu bezahlen.

Erste Antwort des Spitals

Erste Antwort, Brief des Kantonsspitals

Zweiter Brief an das Kantonsspital Winterthur

Religionsfreiheit im Kantonsspital Winterthur 9.12.2005

Vielen Dank für Ihre Antwort. Leider muss ich Ihr sicherlich zuvorkommend gemeintes Angebot dankend ablehnen, Frau Ulrike Büchs als Gesprächspartnerin zu akzeptieren. Eine Pfarrerin und Seelsorgerin ist ganz bestimmt nicht die richtige Person, um geeignete Massnahmen zu diskutieren, die es ermöglichen sollen, den Einfluss der Religionen in Ihrem Spital in die notwendigen Schranken zu verweisen. Man kann nicht den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, um das für einmal christlich zu formulieren.

In Ihrer Antwort betonen Sie zwar, dass Sie das Anliegen ernst nehmen, bedauerlicherweise vermisse ich dann aber jegliche konkrete Massnahme, die vorgenommen werden soll. Ich entnehme Ihrer Antwort, dass Sie offenbar verpflichtet sind, seelsorgerische Dienste anzubieten, aber in welchem Umfang und wieweit diese gehen sollten, sollte sicherlich neu überdacht werden. Ihrem Schreiben entnehme ich immerhin, dass die Kosten für die Seelsorge und Spitalkirche vollumfänglich von den beteiligten Religionsgemeinschaften getragen werden. Dies ist sicherlich zwingende Grundvoraussetzung, um überhaupt solche Dienste in einem öffentlichen Spital rechtfertigen zu können. Dennoch ist das Angebot momentan zu weitreichend. Mit der Auflage, dass es weiterhin seelsorgerische Dienste geben soll, schlage ich Ihnen daher folgende Massnahmen vor:

Beschränkung auf den Nachfrage des Patienten

Keine weltanschaulich nicht neutrale Dienstleistung soll dem Patienten vom Spital aus angeboten werden. Nur auf ausdrücklichen Wunsch des Patienten wird auf die entsprechenden Dienstleistungen verwiesen. Das heisst z.B., dass niemand das Recht hat, ein Zimmer zu betreten und jeden Anwesenden zu fragen, ob er nicht an der Sonntagsmesse teilnehmen wolle. Wenn ein Patient hingegen den Wunsch äussert, an einer solchen teilzunehmen, wird er selbstverständlich vom Personal soweit möglich dabei unterstützt. Es heisst auch z.B., dass bei psychischen Problemen, Depression, Streit oder ähnlich vom Personal ein diplomierter Psychologe angeboten wird und nur auf ausdrücklichen Patientenwunsch ein Seelsorger. Der Wunsch des Patienten soll in den Mittelpunkt gestellt werden, der Patient soll aber nicht mehr oder weniger sanft zu religiösen Angeboten gedrängt werden.

Die Bibeln im Zimmer sind zu entfernen

Es ist ein absolutes Muss, dass die Bibeln aus den Zimmern umgehend entfernt werden. Dies ist reine Propaganda und kann nicht mit seelsorgerischen Aufgaben begründet werden. Wenn ein Patient eine Bibel, oder ein anderes Buch wünscht, soll es ihm aus der spitaleigenen Bibliothek beschafft werden.

Den Seelsorgern soll eine kompetente Gruppe von Psychologen zur Seite gestellt werden

Sollte ich jemals im Spital Bedarf haben für eine psychologische Betreuung, bestehe ich in jedem Fall auf einen Psychologen mit entsprechendem Lizenziat. Ebenso würde ich keinesfalls einen Seelsorger akzeptieren als Vermittler in einem Konflikt, als Gesprächsführer, oder gar als Sterbebegleitung. Dies völlig unabhängig von der jeweiligen Kompetenz des Seelsorgers, rein aufgrund seiner Ausbildung und Funktion. Hier müssen selbstverständlich auch Personen ohne Theologiestudium zur Verfügung stehen, die auch von Konfessionslosen als Partner akzeptiert werden können. Gerade der tagesaktuelle Streit um das Emblem des IKRK hat wieder einmal gezeigt, dass es äusserst unklug ist, wenn man ohne Not etwas religiös vorbelastetes wählt, statt einer weltanschaulich neutrale Alternative. In jenem Beispiel den Kristall statt Kreuz und Halbmond, in Ihrem Fall den Psychologen statt des Seelsorgers. Für Gesprächsführung, Krisenintervention und oft sogar für Sterbebegleitung braucht es keine weltanschaulich gebundene Person. Im Fall der Sterbebegleitung wird es die betroffene Person unter den gegebenen Umständen wohl ohnehin vorziehen, den vertrauten Pfarrer ihrer Gemeinde zu rufen, wenn ihr der Dienst eines Psychologen nicht genügt. Ich jedenfalls würde mir ausdrücklich eine Sterbebegleitung durch einen Seelsorger verbitten. Nur ist dann nicht mehr der richtige Zeitpunkt, darüber zu streiten. Das muss jetzt geklärt sein.

Die Spitalkirche schliessen

Eine extra eingerichtete Spitalkirche geht weit über ein seelsorgerisches Grundangebot hinaus, zumal deren Messen unnötigerweise auch noch im Spitalfernsehen übertragen werden. Beide Dienste sollten eingestellt werden. Patienten, die die Teilnahme an einer christlichen Messe wünschen, können ohne weiteres auf das Angebot der öffentlich rechtlichen Fernsehanstalten der Schweiz und des angrenzenden Auslandes verwiesen werden, die an jedem Bett problemlos empgangen werden können. Patienten, die bereits besser auf den Beinen sind, können auch die nächstgelegene Kirche ihres Vertrauens ausserhalb des Spitals besuchen. Der Versuch, eine Spitalkirche einzurichten mutet mir als Aussenstehenden ohnehin reichlich seltsam an, weiss doch jeder, dass es den Katholiken verboten ist, mit den Protestanten zusammen Abendmahl zu feiern, da die einen die anderen nach wie vor als Häretiker einstufen. So liegt, nicht zuletzt auch aufgrund der Konfession von Frau Büchs, der Verdacht nahe, dass nicht nur diejenigen benachteiligt werden, die nicht einer «Landeskirche» angehören, sondern sogar die Katholiken, die doch als Landeskirche Anrecht auf Gleichbehandlung hätten…

Sie sagen, sie Sie können der komplexen Situation jedes einzelnen Patienten nicht immer gerecht werden. Nun, mit einem weltanschaulich neutralen Spital decken Sie das grösste Spektrum ab. Dann kann jeder seinen bevorzugten geistlichen Beistand aus dem privaten Umfeld anrufen.

Mich würde interessieren zu erfahren, wie viele Patienten von den Angeboten Gebrauch machen, und wieviele sich auch mit einem weltlichen Dienst zufrieden geben würden. Besonders interessant wäre eine Statistik darüber, wie oft tatsächlich ein religiöses Angebot explizit verlangt wurde, und wie oft dieses einfach untergeschoben wird, weil es nur das gibt. Nur sehr wenige sind so tief religiös, dass sie unbedingt eine geistliche Seelsorge benötigen, und den Unterschied zu einem weltlichen Psychologen überhaupt erst bemerken würden. Aber gerade diese Personen sind meiner Erfahrung nach ohnehin tendenziell eher Angehörige irgendeiner Spezialsekte mit Spezialpriestern und Spezialseelsorgern. Laut eienr kürzlich in «20min» veröffentlichen Umfrage vertrauen 64% der Taufchristen nicht in die Institution der Kirche. Damit ist für diese eine landeskirchliche Betreuung im Spital wohl auch überflüssig.

Wenn die Landeskirchen ihr seelsorgerisches Angebot aber selbst organisieren, heisst das dann nicht, dass es in diesen Berufen ein praktisches Berufsverbot für Nichtkirchenmitglieder gibt? Kann sich ein Atheist oder ein Moslem erfolgreich als Spitalseelsorger bewerben? Sollten Berufe im Gesundheitswesen nicht allen offenstehen, unabhängig von Geschlecht, Rasse oder Religion? Dies ist aber nur möglich, wenn das Gesundheitswesen und seine Institutionen strikte weltanschauliche Neutralität wahren.

Bitte teilen Sie mir mit, welche Massnahmen Sie wie in welchem Zeithorizont umsetzen werden. Zumindest die Entfernung der Bibeln aus den Zimmern duldet keinen weiteren Aufschub und kann sofort umgesetzt werden. Gerne bin ich bereit bei Bedarf mit Ihnen, nicht mit den Seelsorgern, über die notwendigen Massnahmen zu diskutieren.

Zweite Antwort des Spitals

Erste Antwort, Brief des Kantonsspitals

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