12.04.2008 Leserbrief zu «Leben ohne Dogma» in frei-denken
Hier ein Leserbrief zu «Leben ohne Dogma» von Carola Meier-Seethaler in der Sonderausgabe vom Aptil 2008 der Zeitschrift frei-denken der Freidenker-Vereinigung der Schweiz:
Dem Artikel «Leben ohne Dogma» von Carola Meier-Seethaler kann ich weitgehend zustimmen, bis auf eine falsche Vorstellung, die sich unterschwellig durch den ganzen Artikel zieht und in einem Satz deutlich manifestiert. Es steht:
«Dagegen sind die Fragen nach der ersten Ursache oder nach der Grundsubstanz lebendiger Materie aus rein naturwissenschaftlicher Sicht nicht beantwortbar, und deshalb enthalten sich seriöse BiologenInnen jeder Aussage über die Existenz oder Nichtexistenz Gottes.»
Dieser Satz enthält gleich mehrere schwerwiegende Fehler. Zuerst einmal sind die Fragen falsch gestellt. Die Frage nach einer ersten Ursache würde bedingen, dass es ein solche gäbe. Die Frage nach einer ersten Ursache ist der Rückschluss aus der alltäglichen Beobachtung auf den Anfang der Zeit. Man kann aber nicht etwas bekanntes in einem neuen Gebiet anwenden, ohne vorher zu beweisen, dass diese Transformation legitim ist. In diesem Fall ist sie es meiner Auffassung nach nicht. Wenn die Zeit mit dem Urknall entstand, gab es vor dem Urknall keine Zeit und somit weder Ursache noch Wirkung. Die Frage nach der ersten Ursache ist damit unsinnig, denn ohne Zeit kann es keine geben. Ausserdem stellt man die Frage nach der ersten Ursache in der Regel nur, weil man damit implizit einen Schöpfergott als solche Ursache unterstellen will. Auch dies ist unredlich. Selbst wenn es einen Schöpfergott gäbe, könnte dieser nicht als erste Ursache herhalten. Vielmehr müsste man erklären, woher ein so hochkomplexes Wesen, wie ein denkender und handelnder Gott kommen soll, ein solches Wesen kann nicht aus dem Nichts entstehen und müsste wiederum eine Ursache haben. Wir beobachten im Gegenteil, dass Leben, Komplexität und Geist die Folge sind einer jahrmilliardenlangen Evolution. Sie stehen am Ende, nicht am Anfang einer langen Entwicklung. Die «Grundsubstanz lebendiger Materie» ist natürlich dieselbe, wie die Grundsubstanz toter Materie. Und selbstverständlich forscht die Wissenschaft danach. Nicht die Biologen, wohl aber die Quantenfysiker.
Der Hauptfehler aber ist zu sagen, dass diese Fragen nicht aus naturwissenschaftlicher Sicht lösbar seien. Wenn sie nicht aus naturwissenschaftlicher Sicht lösbar sind, dann sind sie aus gar keiner Sicht lösbar. Ausser der Naturwissenschaft gibt es nichts, was uns Erkenntnis über unsere Existenz bringen könnte. In diesem Satz steckt natürlich wieder die implizite Behauptung, die Naturwissenschaft könne das nicht, aber die Religion könne es. Diese Behauptung weise ich entschieden zurück! Die Religion kann rein gar nichts, ausser grundlos beliebige unbewiesene Behauptungen aufzustellen, und darauf zu warten, irgendwann von der Wissenschaft widerlegt zu werden. Religion und auch Geisteswissenschaften taugen ganz sicher nicht dazu, uns zu sagen, wie die Natur ist. Das kann nur die Naturwissenschaft leisten. Die Geisteswissenschaften können allenfalls helfen, uns selbst zu verstehen, einen Sinn im Leben zu definieren, Regeln des Zusammenlebens zu definieren und unsere Gefühle und Emotionen bedienen. Sie bedienen den menschlichen Geist, können aber nicht neue Erkenntnis bringen über Gebiete ausserhalb von uns selbst. Auch die Religion ist nicht in der Lage, mehr zu leisten, als einer Befriedigung von Emotionen.
Ein weiterer Fehler ist der Begriff «Gott». Dieser Begriff an sich ist schon ein Problem, weil jeder etwas anderes darunter versteht. Redet man vom der «Existenz oder Nichtexistenz Gottes», tut man so, als gäbe es nur zwei Möglichkeiten. Doch in Wahrheit gibt es abertausende von Göttern, Gottesvorstellungen, ja ganzen Himmelswelten. Wovon also redet Frau Meier-Seethaler, wenn sie «Gott» schreibt? Nutzt sie den Begriff mit ihren von den engen Vorstellungen christlicher Tradition geprägten Scheuklappen? Wahrscheinlich, denn sonst würde sie den Begriff «Gott» und wenn, dann nicht im Singular verwenden. Selbstverständlich enthalten sich seriöse Biologen wie Richard Dawkins nicht einer Aussage über die Nichtexistenz von Göttern. Selbstverständlich wissen die meisten Wissenschaftler, dass Götter nur ein Hilfsprodukt sind, um über das eigene beschränkte Wissen hinwegzutäuschen und das Streben nach Wissen mit vermeintlich billigen Lösungen zu befriedigen.
Der unterschwellige Fehler in diesem Artikel ist somit, dass Frau Meier-Seethaler ihre christliche Prägung und Denkweise noch nicht ganz losgeworden ist. Dazu gehört auch die falsche Vorstellung, Wissenschaft und Religion würden unterschiedliche Bereiche abdecken. In Wirklichkeit deckt die Wissenschaft alle Bereiche des Wissens und der Erkenntnis ab, die Religion hingegen gar keine. Es fehlt der Religion die Grundlage, die notwendig ist, um überhaupt zu Wissen und Erkenntnis zu gelangen: Die Selbstkritik. Religion ist ein Ausdruckt unbeschränkter Beliebigkeit: Jeder kann irgendetwas behaupten und daraus eine Religion machen. Das Spaghettimonster ist genauso seriös und ernst zu nehmen, wie das Christentum, nur noch nicht so ausgefeilt.
Natürlich kann man auch durch Wissenschaft nicht zu vollständiger Erkenntnis gelangen. Dies ist ein grundsätzlicher Mangel unserer Eigenschaft als Menschen: Wir haben keinen direkten Zugang zu objektiver Wahrheit, wir müssen sie indirekt erarbeiten. Aber die Erkenntnis, welche wir nicht durch die Wissenschaft erlangen, die erlangen wir auch nicht anderswoher, sie wird für uns immer unerreichbar sein. Wir sollten offen zugeben, dass wir nicht alles wissen können, aber uns vehement dagegen wehren, wenn einige versuchen, die tatsächlich vorhanden Wissenslücken mit Religion zuzukleistern. So verstopft werden die Lücken später nur schwer wieder zu reinigen sein, wenn es darum gehen wird, sie mit echtem Wissen zu füllen.
Und noch eine letzte Überlegung zum Thema «Gott»: Gäbe es ein übernatürliches Wesen, das Zugang zu uns hat, das an uns interessiert ist und uns vielleicht sogar erschaffen hat, dann müssten wir nicht daran glauben! Ein solches Wesen könnte uns problemlos über seine Existenz wissen lassen, und es gäbe keinen ehrenhaften Grund, uns darüber im Unklaren zu lassen, also müssen wir davon ausgehen, dass es das auch täte. Glauben ist minderwertig, denn glauben kann man nur, was man nicht weiss. Glaube ist somit ein Ausdruck von Unwissenheit. Wieso sollte ein solches Wesen uns absichtlich im minderwertigen Zustand des Glaubensollens belassen? Glauben ist nichtmal Willensentscheidung, denn wie Schopenhauer sagte: «Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will», so kann der Mensch auch nur glauben, was ihm glaubwürdig erscheint und nicht jeden beliebigen Unsinn. Religion ist aber sowohl beliebig, als auch Unsinn. Ich könnte nichteinmal an einen Gott glauben, wenn ich das wollte, denn erstens könnte ich mich nicht entscheiden, an welchen ich glauben soll, und zweitens könnte ich es nicht wollen. Die Tatsache, dass wir glauben sollen, ist ein klarer Beweis für die Nichtexistenz eines solchen Wesens. Gäbe es einen Gott, gäbe es keine Berechtigung für Religion.