Atheismus in der Schweiz
Buh!
«Ich tat reinen Gewissens und gläubigen Herzens meine Pflicht.» Adolf Eichmann, SS-Obersturmbannführer und Massenmörder

30.05.2006 Leserbrief an das Spektrum der Wissenschaften

Reaktion auf die Leserbriefe vom Spektrum der Wissenschaften Juni 2006 auf die Religionsdebatte «Gott und der Urknall»

Aus den Leserbriefen entnehme ich zwei gegensätzliche Positionen: Die eine begrüsst die «Bescheidenheit» und die «gegenseitige Ergänzung» von Wissenschaft und Religion, die andere aber kritisiert die Auswahl von viel zu unkritischen Vertretern der Religionskritik. Ich zähle mich als Verantwortlicher für http://atheismus.ch zu den letzteren. Dies ist nun schon das zweite Mal kurz hintereinander, wo in Ihrer Zeitschrift ein Theologe einem reichlich religionsunkritischen oder wenig wortgewandten Wissenschaftler gegenübersteht. Dies dürfte auch der Hintergrund von Herrn Peters Ablehnung dieser Art von Diskurse sein. Nächstes Mal laden Sie doch bitte einen überzeugten Freidenker und Atheisten als Gegner des Theologen zu Gespräch.

Ja, Wissenschaft und Religion sind durchaus beide sehr beschränkt. Nur ist die Religion der Wissenschaft aus methodischen Gründen weitaus unterlegen. Während die Wissenschaft in manchen Gebieten in Spekulation verfällt, insbesondere wenn es um die Interpretation von Resultaten, oder eine «Theorie für alles» geht, besteht die Religion nur aus reiner Spekulation, und sie muss aufgeben, sobald sie mit einer andersartigen Realität konfrontiert wird. Während in der Wissenschaft spekulative Theorien als solche erkannt werden, und falsifizierbare Aussagen machen, versucht die Religion ihrer Widerlegung vorwiegend durch neue Formulierungen und Relativierungen zu entgehen. Während in der Wissenschaft eine widerlegte Hypothese früher oder später verschwindet, oder zumindest entsprechend den Messresultaten ergänzt wird, so versucht auch eine öfters widerlegte Religion noch nach Jahrhunderten sich mit Neuinterpretationen um ihre eigene Widerlegungen herumzureden. Dies gelingt ihr nicht zuletzt, weil ein gläubiges Publikum (aufgrund eines hyperaktiven Schläfenlappens) glauben will, und dabei den Verstand hintergeht. Wissenschaft setzt sich kritisch mit sich selbst auseinander und sucht den Diskurs mit widersprüchlichen Auffassungen. Religion tut dies nur, wenn sie sich aufgrund äusserer Umstände, z.B. eines allgemeinen Vertrauensverlustes, dazu genötigt fühlt. Früher pflegte das Christentum Kritik zu verbieten, heute muss es sich mit ihr auseinandersetzen.

Ja, Wissenschaft und Religion ergänzen sich, es gibt aber keine Überschneidung. Die Wissenschaft bedient die Erkenntnis über unsere Welt und alles (die Betonung liegt auf «alles»), was sie beinhaltet. Die Religion hingegen bedient die Emotionen, die Gefühle und ist eine Vermittlerin von Botschaften. Religion steht zur Wissenschaft in der gleichen Beziehung, wie die Kunst zur Wissenschaft steht: Wissenschaft bringt uns Erkenntnis, Kunst und Religion hingegen kann man geniessen oder wissenschaftlich erforschen. Kunst und Religion sind zwar beide von gesellschaftlicher Relevanz, sind aber nur ein Medium, Träger von Information und Emotion. Sie können von sich aus keine neue Erkenntnis bringen, noch können sie die Welt erklären. Dies ist wiederum der Wissenschaft vorbehalten.

Selbst Ethik und Moral bedürfen einer rationalen Basis, um im multikulturellen Alltag bestehen zu können. Ob diese dann mit rationalen Argumenten verbreitet werden oder über Kunst und Religion, richtet sich vorwiegend nach dem Zielpublikum. Einige Menschen brauchen eine rationale Erklärung, andere eine religiöse. Auch in der Ethik und in der Moral sind Kunst und Religion nur Träger einer Botschaft, nicht die Botschaft selbst. Verkommt die Religion an sich zu Botschaft, so begeben wir uns in die Abhängigkeit von reiner Spekulation und legen die Wurzeln für jede Art von Dogmatismus, Fanatismus und Gewalt.

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