Den Unwissenden fehlt die Freiheit
Leserbrief im Tages Anzeiger vom 22.04.2000
Dass der religionsgläubige Mensch einem infantilen Illusionsglauben aufsitzt, ist richtig, jedenfalls stelle ich dies immer wieder aus eigener Beobachtung fest. Die Erklärung ist einfach die, dass gläubige Menschen meist keine andere nachvollziehbare Erklärung dafür haben, warum es sie selbst und die mannigfaltigen Lebensformen auf der Erde gibt. Sie sagen: «Es muss doch einen Gott geben.»
Diese Naivität ist aber nicht einfach nur ihre Schuld. Diese wurde einerseits von zu Hause weitergegeben, und andererseits versagt die Schule in dieser Hinsicht mit der Aufklärung absichtlich. Absichtlich! Denn vergessen wir nicht, dass wir noch heute keine klare Trennung haben zwischen Staat und Religion. Es ist daher noch lange praktisch unvorstellbar, dass die Schule echt aufklärend unterrichtet. Es geht dabei nicht darum, dass sie bewusst Religion unterdrückt.
Die Schule hätte ganz einfach die Pflicht, das heutige Wissen, auch die kosmologischen Evolutionstheorien, weiterzugeben und dabei zu erklären, dass es nichts ultimativ Beweisbares gibt, nicht durch die Wissenschaft und schon gar nicht durch die Religion. Als Vater von drei Kindern habe ich bis heute nicht erlebt, dass solches eine Schuldisziplin ist.
Nur dann, wenn jeder Mensch am Wissen der heutigen Zeit wirklich teilhaben kann, entfaltet sich der berühmte Satz des Physiknobelpreisträgers Steven Weinberg: «Zu den grossen Errungenschaften der Wissenschaft gehört, dass sie es intelligenten Menschen zwar nicht unmöglich gemacht hat, religiös zu sein, aber ihnen immerhin ermöglicht hat, nicht religiös zu sein» im Bewusstsein der Allgemeinheit. Ohne die Vermittlung dieses Wissens wird die Freiheit des Menschen unterdrückt.
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