Atheismus in der Schweiz
«Der Glaube an die Erbsünde hat die wahre Erbsünde geschaffen. Das Christentum predigte so lange die Bösheit der menschlichen Natur, bis diese wirklich böse wurde.» Richard Graf von Coudenhove-Kalergi, österreichischer Politiker und Publizist, 1894-1972

«Gottes Wege sind unergründlich»

Da man konkrete Gottesbilder, insbesondere das christliche, auch konkret anhand ihrer inneren Inkonsistenz widerlegen kann, kommt von den dadurch in die Ecke gedrängten Gläubigen ein Argument, das unter dem Begriff «Gottes Wege sind unergründlich» bekannt ist.

Dasselbe Argument kommt in verschiedenen Varianten daher. Einige Beispiele hierzu:

  • «Wie kannst du denken, dass das Geschöpf mit der geschöpften Logik den Schöpfer widerlegen kann? Das ist ja, wie wenn ein Playmobilmännchen mit seinem Plastikfigürchendenkvermögen beweisen will, dass es keine Playmobilfabrik gibt.»
  • «Gott ist zu gross für unser kleines Hirn.»
  • «Wer sagt, dass unsere Logik universell gilt? Sie kann nicht auf Gott angewendet werden.»
  • und ähnlich

All diese Argumente gehen auf dieselbe Grundaussage zurück: Wir könnten Gott nicht erfassen, nicht verstehen und schon gar nicht beurteilen. Was diejenigen, die ein solches Argument verwenden nicht berücksichtigen, sind die schwerwiegenden Konsequenzen, zu denen dieses Argument zwangsläufig führen muss.

Zwingende Konsequenzen

Dieses Argument führt zu einem starken Agnostizismus

Es gibt nicht einfach einen Gott. Die Menschen beten sehr viele sehr verschiedenen Götter an. Wenn man aber tatsächlich keine logische Analsyse über «Gott» machen kann, dann ist völlig unklar, was mit «Gott» denn nun gemeint sein soll. Christen mit ihrer eingeengten Sicht- und Denkweise kommt da nur ihr eigener christlicher Gott in den Sinn. Aber es könnte sich in Wirklichkeit genausogut um einen anderen Gott, oder gar andere Götter handeln. Was ist mit der griechischen Götterwelt, oder der germanischen, vielleicht trifft die ja zu, oder die indische, immerhin haben die indischen Götter auch bis heute überlebt, nicht anders als der jüdisch-christlich-islamische Jahwe-Gott. Oder es gibt gar keine Götter und die Buddhisten haben recht?

Aus der Tatsache, dass es mehr als ein einziges Gottesbild gibt, folgt daszwingende Fazit: Wenn wir uns nicht ein richtiges Urteil mit unseren Verstand und unserer Logik bilden können, dann bleibt nichts mehr übrig, ausser die totale Beliebigkeit und ein totaler Agnostizismus.

Diese Argumentation ist der Tod jeder Theologie

Wenn wir «Gott» nicht mit unserem Verstand erfassen können, dann ist jegliche Theologie müssig. Dann sollten wir sofort alle theologischen Fakultäten schliessen, denn es ist ja nicht möglich, dass der Mensch über «Gott» irgendeine Aussage machen kann. Damit ist jede Theologie zum Scheitern verurteilt und nichts als eine reine Zeit- und Geldverschwendung.

Das ist sie nach Meinung von atheismus.ch zwar ohnehin und vor allem ist die Theologie keine Wissenschaft. Aber wir vertreten diese Position aus einem anderen Grund: «Theologie ist eine Wissenschaft».

Diese Argumentation widerlegt den christlichen Glauben

Wenn man dieses Argument des unergründlichen Gottes gelten lassen wollte, so wäre damit der christliche (und jüdische und islamische) Glaube eindeutig widerlegt. Dies sind ja geradezu Religionen von Gottesverstehern, immerhin hat dieser Gott ja offenbar das Bedürfnis, sich durch eine Offenbarung zu erklären. Nach diesen Religionen soll die Meinung Gottes aus seiner Offenbarung abgeleitet werden können. Das ist aber vollkommen unmöglich, wenn es allein drei verschiedene semitische Offenbarungen gibt: Die jüdische, die christliche und die islamische. Es ist ausserdem ausgeschlossen, wenn wir nicht in der Lage sind, mit unserem Verstand die Offenbarung zu überprüfen und zu hinterfragen. Wie sonst sollten wir aus all den Offenbarungen, die der Menschheit überliefert sind, drei davon allein aus semitischen Raum, die richtige herausfinden können, wenn «Gottes Wege unergründlich» sind? Und selbst wenn wir die richtige Offenbarung gefunden hätten, nehmen wir an, es sei die christliche Bibel, wie sollten wir dann ohne unseren Verstand zur richtigen Bibelinterpretation finden?

Gäbe es einen christlichen Gott, der wollte, dass wir uns für ihn interessieren, dann kann es nicht sein, dass er sich dermassen unklar zu erkennen gibt, es kann nicht sein, dass er soviele Religionen zulässt, uns aber nicht mit dem Verstand ausstattet, die Religionen und ihre Götter zu beurteilen.

Zwingendes Fazit: Wenn das Argument zutrifft, ist das Christentum widerlegt, weil sich dieses Argument und das Christentum gegenseitig ausschliessen. Wenn das Argument aber gilt, so kann man das Christentum anhand seiner inneren logischen Widersprüche als falsch zurückweisen. Folglich ist das Christentum (und das Judentum und der Islam und jede vergleichbare Religion) mit absoluter Sicherheit widerlegt! Entweder wegen der inneren Widersprüche, oder weil wir die Logik nicht auf die inneren Widersprüche anwenden können.

Dieses Argument wäre der Tod der Wissenschaft und allen Wissens

Die Wissenschaft beruht auf der Annahme, dass wir durch unseren Verstand und unsere Sinne die Welt in Aufbau und Funktionsweise erfassen können. Würde das Argument mit der eingeschränkten Anwendung von Verstand und Logik gelten, so wäre das auch der Tod jeglicher Wissenschaft, denn die Wissenschaft kann nun nicht mehr entscheiden, ob und wo der Verstand anwendbar ist und wo nicht. — Und weil Wissen nur durch die Wissenschaft erlangt werden kann, wäre es auch der Tod jeglichen Wissens. Damit sind wir wieder beim totalen Agnostizismus angelangt, der sich nun aber nicht mehr rein auf übernatürliche Fragen bezieht, sondern sich bis tief in die Wissenschaft ausbreitet. Damit wäre jegliches gesichertes Wissen verunmöglicht.

Weitere Betrachtungen

Die Erfahrung zeigt uns, dass die Menschheit durch den Gebrauch des Verstandes, der Logik und der Wissenschaft in ihrem Verständnis am weitesten gekommen ist, sehr viel weiter, als mit jedem anderen Ansatz. Die Erfahrung zeigt uns auch, dass die mit wissenschaftlicher Methode gewonnene Erkenntnis sehr stabil ist und Kritik standhalten kann. Die Technik beweist, dass sich die Erkenntnisse aus der Wissenschaft auch praktisch verwerten lassen. Die Technik ist nichts anderes, als die praktische Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnis, sie ist so etwas wie eine Bestätigung der wissenschaftlichen Grundlagenforschung durch die Praxis. Hingegen gibt es nichts anderes, was der Menschheit auch nur annähernd soviel Wissen gebracht hätte, wie die Wissenschaft. Verstand, Logik und die darauf aufbauende Wissenschaft haben sich über Jahrhunderte äusserst erfolgreich bewährt. Demgegenüber haben Religionen mit ihren Erklärungsansätzen kläglich versagt. Es gibt keinerlei Hinweis darauf, dass unser Verstand nur beschränkt anwendbar wäre. Daher ist es sinnvoll anzunehmen, dass wir unseren Verstand uneingeschränkt verwenden können. Es gibt keine Fragen, die dem Verstand grundsätzlich nicht zugänglich wären. Wer dem widerspricht, muss gute und stichhaltige Gründe dafür vorweisen können.

Fazit

Aus den oben dargelegten Gründen ist das Argument, dass der Mensch «Gott» nicht erfassen könne, als unbegründet zurückzuweisen. Würde das Argument aber tatsächlich gelten, wäre jegliches Wissen verunmöglicht und jede weitere Diskussion sinnlos.

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