Atheismus in der Schweiz
«Der Glaube kann uns niemals von etwas überzeugen, was unserer Erkenntnis zuwiderläuft.» John Locke, englischer Filosof, 1832-1704

Kein freier Wille im Christentum!

Die christliche Gottesvorstellung und die Existenz eines freien Willens sind miteinander unvereinbar. Ob es freien Willen gibt, oder ob er nur eine menschliche Fiktion ist, möchte ich nicht beantworten. Es geht mir hier lediglich darum, verschiedene Aspekte des freien Willens näher zu erläutern.

Allwissenheit

Freier Wille und Allwissenheit vertragen sich nicht. Allwissenheit bedingt, dass es ein Wesen gibt, das alles was in Zukunft geschehen wird, bereits im Vornherein weiss. Keine Entscheidung, die getroffen wird ist ihm nicht bereits zuvor bekannt. Wenn aber die Entscheidungen aller Menschen bereits bekannt sind, bevor sie gefällt werden, wo bleibt dann der freie Wille? Freier Wille bedingt die Gebundenheit an die Zeitachse und die Unmöglichkeit, die Zukunft zu kennen. Sobald irgendein Wesen Allwissenheit besitzt, sind alle zukünftigen Ereignisse gleichzeitig eingetreten. Obschon das Christentum eigentlich den freien Willen predigt, tendieren interessanterweise viele Christen zu einem Schicksalsglauben, der den Einfluss des Menschen auf sein Leben häufig nicht nur stark einschränkt, sondern ganz verneint. Schicksalsgläubigkeit und freier Wille vertragen sich nur schwer, besonders dann, wenn man glaubt, dass gewisse Menschen von Geburt an für den Himmel oder die Hölle bestimmt sind.

Gibt es ein allwissendes Wesen, welches gleichzeitig noch der Schöpfer aller Menschen ist, dann hat dieses Wesen im Augenblick der Schöpfung die Handlungen aller Menschen bis in alle Ewigkeit definiert. Sagen wir, es gäbe einen Gott und er sei allwissend. Nun möchte dieser Gott eine Welt erschaffen. Dank seiner Allwissenheit kennt er jederzeit sämtliche mögliche Welten bis ins letzte Detail. Von jeder Welt kennt er alle Menschen, die dort mal existieren werden und er weiss bereits bevor er die entsprechende Welt erschaffen hat, wie sich jeder einzelne dieser Menschen verhalten wird - von seiner Geburt bis zu seinem Tod ist jede Handlung, jede Entscheidung vor der Erschaffung bekannt. Nun entscheidet sich dieser Gott für eine ganz bestimmte Welt, die er erschaffen wird. Damit bestimmt er, dass sich jeder Mensch, der darin geboren werden wird, sich sein ganzes Leben lang exakt so verhalten wird, wie bereits vorhergesehen. Platz für freien Willen gibt es da keinen.

Folglich hätte Gott vor der Erschaffung des Paradieses gewusst, dass er die Menschen daraus vertreiben wird. Er wusste vor der Erschaffung der Menschen, dass sich Luzifer gegen ihn wenden würde. Genauso wusste er, dass die Menschen niemals auf den Genuss der Frucht vom Baum der Erkenntnis verzichten könnten. Es war daher nicht Adam und Evas Schuld, dass sie aus dem Paradies ausgewiesen wurden, sondern allein Gottes Schuld, weil er nicht auf eine Prüfung verzichtete, deren Ausgang er bereits kannte. Es war auch nicht Hitlers Schuld, dass der zweite Weltkrieg ausbrach und Millionen von Juden vernichtet wurden, denn Gott hat diese Welt vorhergesehen und sie dennoch erschaffen. Hitler war nur seine Marionette. Gott wusste, dass die Menschen im Mittelalter Kreuzzüge unternehmen würden, trotzdem hat er sie in der Bibel, seinem heiligen Buch, nicht ausdrücklich verboten. Er wusste, dass die Menschen Frauen als Hexen verfolgen und verbrennen würden, trotzdem gibt er Moses das Gebot:

Die Zauberinnen sollst du nicht am Leben lassen «(Exodus 22.17

Wenn Gott den Verlauf der Welt aufgrund seiner Allwissenheit kannte, wie konnte er dann den Krieg in Jugoslawien zulassen, oder andere Religionen? Warum wendet sich die Bibel immer wieder gegen die Baalspriester, aber niemals gegen den Islam oder den Buddhismus? Konnte der christliche Gott diese in seinen Augen falschen Religionen nicht vorhersehen? Überhaupt, was ist denn das für ein allwissender Gott, der nachträglich noch in seine Schöpfung eingreifen muss, um sie zu korrigieren? Welcher allmächtige, allwissende Gott muss Sintfluten schicken, Feuer und Schwefel regnen lassen, oder gar seinen Sohn auf die Welt schicken, um seine eigenen Fehler in der Schöpfung zu korrigieren?

Gibt es irgendein allwissendes Wesen, so sind alle unsere Handlungen vorhergesehen. Wir haben keine Chance anders zu handeln, als vorhergesehen. Wir wären unserem Schicksal auf Gedeih und Verderben ausgeliefert. Wenn dieses Wesen nun gleichzeitig noch der Schöpfer unserer Welt ist, haben wir mit Sicherheit keinen freien Willen, sondern unsere Handlungen wären von diesem Wesen bestimmt worden. Freier Wille bedingt, dass es keinen allwissenden schöpfenden Gott gibt.

Naturalismus

Im Naturalismus ist freier Wille nicht von vornherein ausgeschlossen, da es weder Allwissenheit noch eine Schöpfung gibt. Allerdings werden wir freien Willen ebenfalls ausschliessen müssen, wenn unsere Welt eine streng deterministische ist, das heisst jedes Ereignis ist eindeutig bestimmt, determiniert, durch die Summe aller vorhergegangener Ereignisse. Finden wir keinen Weg, um einen echten Zufall zu erhalten, so müssen wir uns damit abfinden, dass die Vorstellung von freiem Willen reines Wunschdenken ist.

Ohne mich festlegen zu wollen, möchte ich an dieser Stelle zeigen, dass im Naturalismus beide Möglichkeiten vorhanden sind. Wir als Menschen werden niemals feststellen können, ob alle unsere Handlungen seit Anbeginn der Zeit festgelegt sind, oder ob wir über einen freien Willen verfügen, der nebst den Gesetzen der Fysik und der Psychologie, neben Ursache und Wirkung, Erziehung und Bildung einen kleinen Freiraum hat, in dem das, was wir Bewusstsein nennen unabhängig wirken kann. Wir empfinden zwar, dass wir einen freien Willen haben. Diese Empfindung kann genauso gut eine Illusion sein.

Die Chaostheorie lehrt uns, dass es Systeme gibt, in denen kleinste Änderungen grosse Wirkungen haben können. Vielleicht sind wir geistig solch ein System und vielleicht sind wir zwar vorbestimmt, aber bemerken es nicht, weil die Ursachen der beobachteten Wirkungen unendlich klein sind. Es wäre aber auch denkbar, dass eben diese kleinsten Ursachen nicht vorherbestimmt oder vorherbestimmbar sind und daher so etwas wie freier Wille existiert. Die Quantenmechanik könnte hier den notwendigen Spielraum liefern.

Der Mensch als Maschine

Sind wir Menschen nur Maschinen, die nach einem zu Urzeiten festgelegten Programm ablaufen? Sind alle unsere Handlungen vorherbestimmt durch unsere Umgebung, die Erziehung, die Atome im Hirn? Vielleicht. Manchmal beobachte ich an mir selbst, dass ich mich in bestimmten Situationen auf eine ganz bestimmte Art verhalte, ja sogar dass meine Handlungen vorhersagbar sind. Ich beobachte, dass ich mich durch die Umwelt gesteuert verschiedenen Problemen stellen muss, welche ich auf meine Art löse, also auf die Art, die ich mir während meiner persönlichen Entwicklung zugelegt habe. Manchmal frage ich mich allen ernstes, wo denn mein freier Wille noch bleibt, der mir so wichtig ist, und den ich immer gegen alles durchsetzen will.

Ich schreibe diesen Text, weil ich mit Paul diskutiere und meine Gedanken sammeln und entwickeln will. Ich diskutiere, weil ich mich mit der Herkunft des Menschen beschäftige und mich das Sein an sich fasziniert. Paul ist mein Diskussionspartner, weil er ganz anders denkt, als ich und ich ihn nicht verstehen kann, den ersten mir bekannten denkenden Christen. Wir setzen uns ausgerechnet mit dem christlichen Weltbild auseinander, da wir in dieser Umgebung aufgewachsen und christlich erzogen worden sind. Die Diskussion ist mir wichtig, weil ich das Christentum für eine der dümmsten, primitivsten und brutalsten Religionen halte, nachdem ich die Grausamkeit der Bibel und den Fatalismus eines allmächtigen und allwissenden Wesens erkannt habe. Dies nachdem ich mich vom Christentum meiner Eltern abgewandt hatte, weil das Christentum tiefe Widersprüche zu meiner Wahrnehmung der Welt aufweist. Wo bleibt da noch mein freier Wille? Kann ich denn anders, als all dies niederzuschreiben?

Eine strenge Form des Determinismus bringt aber auch Probleme mit sich. Nicht nur widerspricht sie eben doch unserer Wahrnehmung, weil wir einen Freiraum empfinden, er entbindet uns auch von der Verantwortung für unsere Taten. Wenn alle menschlichen Taten nur Folgen von Ursachen und Wirkungen sind, dann sind wir auch nicht verantwortlich für das, was wir tun, denn es war genau so vorherbestimmt und wir haben keine Möglichkeit anders zu handeln, keinen Freiraum um Böses zu vermeiden und Gutes zu tun. Strenger Determinismus untergräbt Moral und Ethik. Es ist somit zumindest eine ethische Notwendigkeit, die Theorie des strengen Determinismus zu hinterfragen und Alternativen zu entwickeln. Doch dazu braucht es keinen Gott. Die Alternative muss ohne Allwissenheit und Schöpfertum auskommen, denn wie bereits früher gezeigt schliessen sich Allwissenheit und freier Wille gegenseitig aus.

Quantenmechanik

In der Wissenschaftlichen Forschung des 20. Jahrhunderts entwickelte sich eine Theorie, welche das ursprünglich streng mechanisch ausgerichtete Weltbild der meisten Forscher stark ins Wanken gebracht hat, die Quantenmechanik. Zuvor glaubte man, dass ein Wesen, welches die Weltformel und den Zustand von jedem einzelnen Teilchen dieses Universums kennt, daraus die Zukunft aller toten und lebender Materie berechnen kann. Wäre erst einmal Position und Geschwindigkeit aller Teilchen bekannt, so dachte man, liessen sich daraus mit Hilfe der Fysik alle zukünftigen Ereignisse bestimmen, auch die Handlungen der Menschen. Doch dieses deterministische Weltbild zerfiel, als die Quantenmechanik entstand. Viele Wissenschaftler wollten diese Theorie lange Zeit nicht akzeptieren. Selbst Albert Einstein widersprach ihr mit den berühmt gewordenen Worten: «Gott würfelt nicht». Doch die Theorie setzte sich durch.

Doch die quantenmechanischen Effekte sind Teil unserer Natur. Selbst Quanten verhalten sich statistisch gesehen regelmässig und berechenbar. Wenn die menschliche Entwicklung sich wie ein chaotisches System verhält und möglicherweise sogar einzelne Quanten einen Einfluss haben können, dann lässt sich die Vorhersagbarkeit des menschlichen Verhaltens mit der des Wetters vergleichen. Es ist also durchaus möglich, in einer rein naturalistischen Welt echten Zufall einzubringen. Nun könnte man sagen, Gott wirke über die Quanten. Einverstanden. Dies führt uns aber zu einem völlig neuen Gottesbild, welches mit dem des machtgierigen Tyrannen der Bibel nichts mehr gemeinsam hat. Dieser Gott der Quanten hätte nur einen sehr geringen Spielraum. Dies böte eine gute Erklärung für die Existenz des Bösen. Nur hat uns dieser Gott sicher nicht erschaffen, dazu wäre sein Spielraum zu gering. Es stellt sich auch die Frage, ob dieser Gott ein eigenes Bewusstsein hat. Einige Leser werden bereits bemerkt haben, dass wir mit diesem Ansatz bei einem pantheistischen Weltbild angelangt sind. Gott wäre über alle Materieteilchen verteilt. Eine Idee, die zumindest den heutigen Erkenntnissen nicht widerspricht. Dieser Gott der Quanten ist einer der wenigen Göttern, die nach heutigem Wissensstand noch denkbar wäre. Allerdings würde ich mich nicht darauf verlassen. Ich für meinen Teil bleibe lieber beim Atheismus. Ob mit oder ohne Gott, die Quanten weisen uns einen möglichen Weg, echten Zufall und somit die Voraussetzung zu freiem Willen einzuführen.

Wann erhält der Mensch einen freien Willen

In der Frage nach der Existenz von freiem Willen stellt sich zwangsläufig auch die Frage, wann der Mensch seinen freien Willen erhält. In der Form einer befruchteten Eizelle unterscheidet er sich nicht von niederen Lebensformen und verfügt daher über keinen freien Willen. Solange es sich als Fötus im Mutterleib befindet, hat das Kind zumindest keine Möglichkeit irgend eine freie Entscheidung zu treffen. Wenn das Kind zur Welt gekommen ist, aus Hunger schreit, instinktiv an der Mutterbrust nuckelt, tut es das ebenfalls nicht aus freiem Willen. Wenn die Windel feucht ist, schreit das Kind ebenfalls nicht, weil es gerade schreien möchte. Und später? Gibt es jemals ein Zeitpunkt, wo wir sagen können, es kommt echter freier Wille zum Tragen? Werden die Bahnen unseres Lebens nicht in der Kindheit festgelegt? Wir können nicht einfach tun und lassen, was wir wollen. Niemand steht auf, beschimpft seinen Chef, nur weil er gerade mal seinen freien Willen ausleben möchte. Die äusseren Zwänge sind immer sehr stark und lassen nur wenig Spielraum. Freier Wille kann auch eine Täuschung sein.

MRW (1998)

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