Atheismus in der Schweiz
«Der entsetzliche Unsinn des Mythus von einem Gotte, der sich für den Ungehorsam eines seiner Geschöpfe durch furchtbare Martern an seinem Sohne rächt, ist viele Jahrhunderte nicht bemerkt worden. Die grössten Geister wie Galilei, Newton, Leibniz haben auch nicht einen Augenblick darüber nachgedacht, dass die Wahrheit solcher Legenden bezweifelt werden könnte.» Gustave Le Bon, französischer Psychologe, 1841-1931, Psychologie der Massen

Korrektur an Platons Ideenlehre

Der griechische Filosof Πλάτων (Platon, 427-347 v.u.Z), ein Schüler von Σωκράτης (Sokrates), brach mit der materialistischen Tradition der griechischen Naturfilosofen, indem er seine Theorie der Ideenlehre vorstellte.

Die Ideenlehre

Nach Platon existiert neben unserer sichtbaren Welt der Sinne eine Welt der Ideen. Für jede Form in unserer Welt existiert eine Urform in der Ideenwelt. Wir Menschen beispielsweise sind ein Abbild der Urform «Mensch» in der Ideenwelt. Während die Formen der Ideenwelt perfekt und unveränderlich sind, so sind ihre Abbilder unvollständige und sich indiviuell unterscheidende Kopien. Sein berühmtes Höhlengleichnis soll diesen Umstand verdeutlichen: Menschen sitzen in einer Höhle von Geburt an festgebunden, hinter sich eine Wand mit einem Schlitz, durch den Licht auf die Wand vor ihnen fällt. Bewegen nun andere, freie Menschen hinter ihnen Puppen vor dem Schlitz, so können sie diese zwar nicht sehen, da sie ihnen den Rücken zukehren. Was sie aber sehen, sind ihre Schatten an der Wand. Diese Schatten geben nur ein unvollständiges, unperfektes Bild der Szene hinter ihnen wieder. Ihre Sinne täuschen sie also, ihre Augen zeigen nur die Abbilder. Für die festgebundenen Menschen existiert die Welt nur aus Schatten. Dass sich hinter ihnen Vorlagen für die Schatten befinden und wie sie aufgebaut sind, könnten sie nur durch ihren Verstand schliessen. Demzufolge wertet Platon die Sinne als Quelle der Erkenntnis ab zugunsten des Verstandes, dem er alleinige Erkenntnisfähigkeit zuspricht.

Dieser Vorstellung entspricht ein ausgeprägter dualistischer Idealismus, die Vorstellung also, dass unsere Welt zweigeteilt ist in eine materielle Welt, in der wir leben, und eine ideale geistige ideelle Welt, die nur indirekt, insbesondere über den Verstand erfahrbar ist. Der menschliche Geist wandert so bei der Geburt aus der Ideenwelt in einen materiellen Körper, wo er die Ideale erst einmal vergisst, um später seine vage Erinnerung daran aufzufrischen. Nach dem Tod kehrt nach Platons Vorstellung der Mensch als geistige Seele in die Ideenwelt zurück.

Der Fehler in der Überlegung

Heute wissen wir dank der Wissenschaft, dass Lebewesen keine Abbilder einer unveränderliche Urform in einer Ideenwelt sind, sondern dass vielmehr auch die Lebewesen, das heisst auch ihre «Grundformen», stetiger Veränderung durch die Evolution unterworfen sind. Nicht nur verändern sich die Arten im Laufe der Zeit, es entstehen auch neue Arten und andere sterben aus. Im Gegensatz zu Platons Vorstellung sind die Urformen, so es sie denn überhaupt gibt, keinesfalls ewig und unveränderlich, sondern ebenfalls einer Entwicklung unterworfen. Der Fehler Platons beruht darin, dass er nur eine Momentaufname betrachten konnte. Zu einem bestimmten Zeitpunkt sieht es tatsächlich so aus, als würde hinter allen Lebewesen einer Art eine gemeinsame Urform stehen, aber eben nur zu einem bestimmten Zeitpunkt. Geht man in der Zeit nur schon einige zehntausend Jahre vor oder zurück, so beobachtet man teilweise bereits stark veränderte Urformen. Dehnt man die Zeitreise auf Jahrmillionen aus, so verändern sich die meisten Formen radikal.

Ebenso wissen wir, dass der menschliche Geist unmittelbar und untrennbar an die materielle Erscheinung des Gehirns gebunden ist. Hirnschäden wirken sich unmittelbar auf die Seele eines Menschen aus, Persönlichkeitsveränderungen gehen mit Hirnveränderungen einher und selbst Gedanken materialisieren sich im Gehirn bevor sie ins Bewusstsein gelangen. Eine klare Trennung zwischen Geist und Körper ist trotz intensiver Forschung nicht nachweisbar, wohl aber das Gegenteil, die unmittelbare Bindung des Geistes an den Körper.

Platon hatte noch nicht die Möglichkeit, diese Erkenntnis in seine Überlegungen mit einzubeziehen, da zu seiner Zeit das Wissen darum noch nicht vorhanden war. Wir hingegen haben dieses Wissen und können es nutzen, seine Theorie zu überarbeiten. Wir sind in einer bestimmten Weise sogar dazu verpflichtet, sein Gedankengut anzupassen. Da Platons Ideenlehre die europäische Filosofie nachhaltig geprägt hat, ist es unsere Pflicht, sie zu hinterfragen und bei Bedarf anzupassen.

Zurück zum Materialismus

Kann man Platons Ideenlehre anpassen, oder muss man sie nicht viel eher ganz verwerfen? Eines ist klar, wenn man die Filosofie Platons an die heutige Erkenntnis anpasst, bleibt von ihr nur wenig übrig. Idealismus und Dualismus zerfallen, übrig bleibt ein monistischer Materialismus. Falsch ist sicherlich, dass es eine von der materialistischen Welt unabhängige Ideenwelt gibt, in der die Grundformen von Dingen, insbesondere Lebewesen, gespeichert sind. Richtig hingegen ist, das jedes Lebewesen seine Grundform als DNS-Stränge im Erbgut seiner Zellen mit sich herumträgt. Tatsächlich also gibt eine solche Grundform, nur ist sie weder ewig, noch absolut, noch ideell, sondern veränderlich, individuell und in Materie manifestiert. Ebenso verhält es sich mit von Menschen geschaffenen Dingen, wie Häuser, aber auch mathematische Idealvorstellungen: Sie sind durchaus als Grundformen vorhanden, jedoch produziert von den Hirnen der Menschen. Die ganze materialistische Welt hingegen basiert letzlich auf dem Wirken der Naturgesetze. Diese sind somit so etwas wie die Grundform für alles was ist.

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