Atheismus in der Schweiz
«Die Kirche hat den Menschen ein grösseres Mass unverdienten Leids zugefügt als irgendeine andere Religion.» William E. H. Lecky, britischer Historiker

Schönheit und Ethik

Schönheit

In diesem Abschnitt möchte ich mich kurz mit der Herkunft des Schönheitsempfindens beschäftigen, während die folgenden Abschnitte etwas tiefer auf das verwandte Problem der Ethik eingehen werden. Es stellt sich die Frage, woher der Mensch sein Schönheitsempfinden hat. Welche Kühe bezeichnen die Bauern als die schönsten? Doch die mit den dicksten Eutern, welche die meiste Milch geben. Die Frauensicht vieler Männer ist exakt dieselbe. Bei anderen Lebewesen empfinden wir das als schön, was die besten Kinder geben wird oder was unserem Zweck am meisten nützt. Schönheit und Ästhetik sind aber gleichzeitig auch Geschmacksache. Dort wo die Ziele und Zwecke der unterschiedlichen Betrachter nicht dieselben sind, oder wo sich keine solchen ausmachen lassen, da gehen die Vorstellungen verschiedener Menschen über Schönheit auseinander.

Es ist zum Beispiel festzustellen, dass in armen Ländern Dickheit als schön empfunden wird, während im übersättigten Europa Schlankheit das Schönheitsideal ist. Solange braune Haut Feldarbeit bedeutete, galt weisse Haut als schön. Heute bedeutet braun sein, man hat Zeit, in der Sonne zu faulenzen, und siehe da, es ist zum europäischen Schönheitsideal geworden. Oft gilt als schön, was selten oder unerreichbar ist. Dunkelhäutige Menschen streben nach heller Haut und hellhäutige riskieren Hautkrebs um schön braun zu werden.

Das Aussergewöhnliche gilt als schön, respektive das, was besser überlebensfähig ist. Häufig richtet sich das Schönheitsideal nach den Bedürfnissen der Evolution. Wenn seltene Eigenschaften als schön gelten, so bedeutet das, dass sich seltenes Erbgut leichter verbreiten lässt.

Ethik

Überall auf der Welt begegnet man in allen Kulturen und Religionen ähnlichen ethischen und moralischen Grundsätzen. Zum Beispiel ist es in den meisten Gemeinschaften verboten, Mitglieder der Gruppe zu töten. Ebenso ist die Lüge vielerorts verpönt. Diebstahl wird in den meisten Zivilisationen geahndet. Wie ist so etwas möglich, ohne eine übernatürliche Intelligenz, die den Menschen solche Grundwerte vorgibt? Woher kommt der Sinn für Recht, Moral, Ethik und Schönheit? Wie kann man sich auf eine Ethik berufen, wenn keine höhere Macht eine solche erlässt?

Es ist zu beachten, dass nicht nur viele Werte überall ähnlich oder gleich sind, sondern dass andererseits auch viele Werte von Kultur zu Kultur sehr verschieden sind. Monogamie ist nicht überall zu finden. Ebensowenig die Unterdrückung der Frauen. Sexuelle Prüderie und ähnliche Perversionen haben sich nicht in allen Gesellschaften gleicherweise eingeschlichen. Ebensowenig die Religiosität. Wir können also ethische Werte in zwei Gruppen einteilen, in die universellen und in die speziellen. Ich vertrete die Meinung, dass nur universelle ethische Werte wertvoll sind, und dass darüber hinausgehende Vorstellungen einschränkend wirken und beseitigt werden sollten. Nur Werte, die in allen Zivilisationen gleichermassen auftauchen, dürfen als universell und allgemeingültig betrachtet werden.

Herkunft universeller ethischer Werte

Was haben universelle ethische Werte gemeinsam? Wo liegt der Zusammenhang zwischen der Verurteilung von Mord, Diebstahl, Lüge und Betrug? Gibt es einen Unterschied zwischen universellen ethischen Werten und speziellen? Dies sind die Fragen, die in diesem Zusammenhang gestellt werden sollten.

Die universellen ethische Werte haben tatsächlich eine Gemeinsamkeit: Sie dienen dazu, das Zusammenleben in einer Gruppe zu ermöglichen. Wenn in einer Gruppe Mord, Diebstahl, Lug, Betrug und Verrat zur Tagesordnung gehören, wird diese Gruppe ihre Kraft gegen innen lenken und ihre Individuen werden gegeneinander kämpfen, anstatt gegenseitig die Gruppe nach aussen zu schützen. Die Energie der Gruppe geht verloren und sie stirbt. Da der Mensch körperlich zu schwach ist, um ohne die Hilfe anderer zu überleben und da der Mensch seine Stärke, den Verstand, nur in der Gesellschaft entwickeln kann, war die Bildung ethischer Werte ein Wichtiger Schritt im Überlebenskampf unserer Art. Erwähnenswert scheint mir in dieser Hinsicht die Tatsache, dass oft nur die Angehörigen der eigenen Gruppe gegen Mord, Diebstahl und Betrug geschützt werden. Beispielsweise im Krieg ist die Ermordung von Fremdlingen nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht, ja glorifiziert.

Die wichtigsten ethischen Regeln sind folglich eine zwingende Notwendigkeit. Der Mensch musste eine Moral entwickeln, wenn er überleben wollte. Diejenigen Gruppierungen, die das nicht gelernt haben, sind ausgestorben. Doch die Entwicklung bleibt nicht stehen. So wie sich der Mensch technisch und wissenschaftlich weiter entwickelt, so wird es auch nötig, die ethischen Werte weiter zu entwickeln. Beispielsweise müssen wir dringend eine neue Einstellung zur Natur gewinnen, wenn wir nicht untergehen wollen. Ob die Einsicht schnell genug erfolgt, oder ob die Natur das Experiment «Mensch» erfolglos abbricht, wird sich noch erweisen.

Neben den universellen ethischen Werten gibt es noch weitere, spezifische Werte, die auch das Zusammenleben regeln, aber nicht zwingend in einer bestimmten Form vorliegen müssen. Beispielsweise kommt es nicht so sehr darauf an, ob die Ehe monogam oder polygam geführt wird. Ebensowenig kommt es darauf an, welcher Religion eine Gruppe angehört, falls überhaupt. Wie bereits im Artikel «Staat, Gesellschaft und Religion» gezeigt, kann leider auch Religion und Fanatismus zu einem stärkeren Gruppenzusammenhalt führen. Dies erklärt, warum viele Staaten eine einheitliche Religion haben, sich die Religionen zwischen den Staaten so stark unterscheiden. Es ist aber auch ein Hinweis darauf, dass es keine absolut gültige Religion gibt. Die Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen Religion kann zwar das Zusammengehörigkeitsgefühl einer Gruppe stärken, sie kann aber auch zu Zwietracht und Streit führen. Meiner Meinung nach muss es in einer fortschrittlichen, aufgeklärten Gemeinschaft möglich sein, dass verschiedene spezifische ethische Systeme und Weltanschauungen nebeneinander koexistieren und kooperieren können. Dabei ist es wichtig, dass das System der Mehrheit in keiner Weise bevorzugt wird und die Systeme der Minderheiten nicht unterdrückt. Lediglich die universale Ethik muss allen Mitgliedern einer Gruppe gemeinsam sein.

Universale Ethik

Viele Ethiken und Morallehren stellen eine ganze Reihe von Regeln auf, die zu befolgen sind. Dennoch werden diese Regeln häufig missachtet. Sei dies weil sie zu schwer verständlich sind, oder weil es zu viele Regeln gibt, so dass man bereits zwischen wichtigen und unwichtigen zu unterscheiden beginnt.

Zum Aufstellen einer universalen Ethik genügt meines Erachtens eine einzige Regel, aus der alle weiteren Aussagen abgeleitet werden können:

Respektiere Deine Umwelt.

Respekt wird verlangt, nichts weiter. Dennoch beinhaltet ein konsequentes Handeln nach diesem Prinzip alles, was für das Überleben eines einzelnen, wie auch einer Gruppe gut und wichtig ist. Von Bedeutung ist, dass mit dem Begriff «Umwelt» die ganze Umwelt eines Menschen gemeint ist, das heisst Menschen, Tiere, Pflanzen, die Natur, der Weltraum, auch das Individuum selbst.

Wenn alle ihre Umwelt respektieren, sowohl auf den schonenden Umgang mit der Natur wie auch mit ihren Mitmenschen achten, leben wir in einer perfekten Welt. Wer seine Umwelt respektiert, bestiehlt sie nicht, betrügt sie nicht, mordet sie nicht. Mit diesem einfachen Satz «Respektiere Deine Umwelt» ist alles gesagt, was zum Wohle aller notwendig ist. All die dicken Bücher über Ethik werden überflüssig. Nicht zehn, sondern ein Gebot sagt alles.

Ich fordere gegenüber der Umwelt nicht etwa Liebe, sondern nur Respekt. Liebe ist sehr problematisch, es handelt sich um ein nicht kontrollierbares Gefühl. Ein Gefühl, welches auch sehr schnell in Hass umschlagen kann. Liebe lässt sich nicht befehlen. Anders hingegen Respekt. Respekt ist eine Haltung, die wir bewusst einnehmen können. Wir können kontrolliert andere mit Respekt behandeln, egal ob wir sie mögen oder nicht. Auch wenn wir jemanden hassen, solange wir ihn respektieren, werden wir ihm dennoch nicht schaden.

mrw 1998 (übernommen)

Siehe auch Die vernunftbegründeten Gebote des Humanismus

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