Atheismus in der Schweiz
«Was die Kirche nicht verbieten kann, das segnet sie.» Kurt Tucholsky, deutscher Schriftsteller, 1890-1935

Das Problem des Leidens

Theodizee des Leids

Wie bereits Leibniz zeigte, kann man ausgehend von drei Aussagen zeigen, dass jeweils nur zwei davon wahr sein können. Diese drei Aussagen lauten:

  • Gott ist allmächtig
  • Gott ist gut
  • Es existiert Böses auf dieser Welt

Alle drei Sätze sind Grundvoraussetzung des Christentums und werden durch die Bibel bestätigt.

Gottes Allmacht wird an verschiedenen Stellen betont, so zum Beispiel der Aussage

Als nun Abram neunundneunzig Jahre alt war, erschien ihm der HERR und sprach zu ihm: Ich bin der allmächtige Gott; wandle vor mir und sei fromm «(Genesis 17.1

Nachdem Gott selbst von sich mehrmals sagt, er sei allmächtig, gibt es für bibelgläubige Menschen keine Möglichkeit mehr, dies zu leugnen oder zu relativieren. Das üblicherweise vorgebrachte Argument, Gottes Allmacht sei eingeschränkt, zum Beispiel durch den freien Willen der Menschen, steht in diametralem Widerspruch zum Text der Bibel. Wenn Pfarrer Wilhelm Busch in einem Gleichnis andeutet, Gott könne nicht das in sich Widersprüchliche tun, als Arbeiter ihn fragten, ob denn Gott in seiner Allmacht einen Stein schaffen könne, der für ihn selbst zu schwer hochzuheben sei, verkennt er die Tatsache, dass ein allmächtiger Gott auch die volle Macht über die Gesetze der Fysik hat und daher auch dieses Problem lösen könnte. Gottes Allmacht wird in der Bibel ausdrücklich betont und lässt sich nicht wegdiskutieren.

Die Güte und Liebe Gottes wird ebenfalls an etlichen Stellen beschworen, obschon sich diese Güte häufig dadurch einschränkt, dass sie ausschliesslich dem jüdischen Volk zugute kommt und anderen Völkern versagt wird. Dennoch lassen sich in der Bibel Beispiele finden, die belegen, dass zumindest die Christen ihren Gott als gut und lieb betrachten, zum Beispiel

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen! «(2Korinther 13.13

oder

HERR, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen «(Psalmen 36.6

Immer wieder taucht in der Bibel die Aufforderung auf, das Böse aus der Mitte zu entfernen. Viele Beispiele finden wir im Kapitel Deuteronomium, wie

[…]-, auf dass du das Böse aus deiner Mitte wegtust «(Deuteronomium 13.6

Das Böse kann allerdings nur dort entfernt werden, wo es existiert. Die Bibel bejaht ganz klar Gottes Güte und Allmacht, sowie auch die Existenz von Bösem auf dieser Welt.

Vorausgesetzt Gott existiert, führen obige Aussagen zu widersprüchlichen Folgerungen. Ist Gott allmächtig und gut, so lässt er Böses auf dieser Welt nicht zu, es dürfte nicht existieren. Ist Gott allmächtig und es existiert Böses auf dieser Welt, so ist er zwangsläufig nicht gut, denn er verwendet seine Allmacht nicht, um das Böse zu beseitigen. Ist Gott gut und es existiert Böses auf der Welt, so kann er nicht allmächtig sein, denn es fehlt ihm die Fähigkeit, das Böse zu beseitigen. Damit ist bewiesen, dass die Bibel lügt. Der Widerspruch zwischen Leid und Gottes Existenz taucht nur im christlich-/ jüdischen Kontext auf.

Die Existenz von Bösem ist auch nicht notwendig, um die Kreaturen zu prüfen, denn ein allwissender Gott wüsste im Voraus, ob eine bestimmte Kreatur die Prüfung bestehen würde oder nicht. Dazu kommt noch, dass sich Allwissenheit mit freiem Willen schwer verträgt. Der Schluss liegt nahe, dass Gott, wenn es ihn gibt, nicht mächtig genug ist, das Böse zu entfernen, oder nicht gut genug, das zu wollen. In jedem Fall ist er entweder nicht allwissend oder wir Menschen haben keinen freien Willen. Es haben sich bereits Generationen von Theologen vergeblich bemüht dieses Problem zu lösen. Meist folgen als Antwort auf dieses simple, in drei Sätzen formulierbare Problem dicke Bücher mit den haarsträubendsten Verdrehungen. Am Ende überzeugen solche Bücher höchstens weil man ihnen nicht mehr folgen kann. Mit Argumentation hat das nichts mehr zu tun, sondern nur noch mit Rhetorik. Aber nur weil etwas schön gesagt wurde, ist es noch lange nicht wahr.

Der typische christliche Lösungsansatz ist die Behauptung, wir lebten in der besten aller möglichen Welten, eine bessere Welt sei nicht möglich. Diese haltlose Behauptung wird in «Wir leben in der besten aller Welten» widerlegt.

Das menschliche Böse

Als das menschliche Böse bezeichne ich alle Formen menschlicher Gewalt. Das menschliche Böse entspringt dem freien Willen. Ein Gott, der den Menschen freien Willen zugesteht, darf nicht in das Handeln der Menschen eingreifen. Daher könnte man das menschliche Böse erklären. Allerdings muss ich gegen diese Ansicht den Einwand anbringen, dass es nicht nötig gewesen wäre, dem Menschen den Wunsch einzupflanzen oder die Fähigkeit zu geben, Böses zu tun. Irgendwoher muss doch der menschliche Drang Böses zu tun herkommen, und woher sollte in einer erschaffenen Welt etwas kommen, wenn nicht von Gott dem Schöpfer, wenn es einen gibt? Warum hat der Mensch die Fähigkeit, Böses zu tun, nicht aber die Fähigkeit ohne Hilfsmittel zu fliegen? Wenn jemand den Menschen erschaffen hat, so hat dieser dem Menschen seine Fähigkeiten und Unfähigkeiten gegeben. Niemand kann etwas schaffen, ohne die volle Verantwortung dafür übernehmen zu müssen, auch nicht ein Gott.

Was wir als Böse bezeichnen, ist meist nichts anderes, als simple Existenzangst. Wenn wir das Prinzip vom Kampf ums Überleben betrachten, stellt sich plötzlich die Frage, ob es das Böse an sich überhaupt gibt. Ist es nicht vielmehr so, dass das, was wir als Böse bezeichnen, nichts anderes ist, als ein falsche Einschätzung im Kampf ums Überleben? Ein übersteigerter Egoismus oder Selbstschutz. Es ist nichts anderes, als ein Urinstinkt, der jedem Lebewesen zugrunde liegt. Von der Warte der Evolution her betrachtet gibt es Böses gar nicht. Es gibt nur Dummheit, übersteigerten Egoismus und falsche Situationsbeurteilungen, und das wäre vermeidbar.

Das natürliche Böse

Das natürliche Böse ist im Gegensatz zum menschlichen Bösen die Form von Leid, die den Menschen ungewollt trifft, also nicht Ausdruck des freien Willens ist. Dabei handelt es sich um wilde Tiere, reissende Ströme, zerstörende Unwetter, Vulkanausbrüche, Erdbeben, Autounfälle, Zahnausfall, Hirntumor, um ein paar wenige Beispiele zu nennen. Diese Form des Bösen hat nichts zu tun mit dem freien Willen der Menschen. In einer gottgeschaffenen Welt macht derartiges Leiden keinen Sinn und der Schöpfer muss sich die Frage gefallen lassen, warum er in seiner angeblichen Güte dies nicht verhindert hat. Ein mächtiger Gott, er braucht nicht einmal allmächtig zu sein, hätte eine bessere Welt erschaffen können, als die uns vorliegende. Das natürliche Leid lässt sich in einer gottgeschaffenen Welt nicht rechtfertigen.

Es sind Dinge wie Zahnausfall, Geistesschwäche, Vulkanausbrüche, Raubtiere, die in einer göttlichen Welt nichts verloren haben. Dies lässt mich die Existenz eines Gottes verneinen, egal aus welcher Religion er stammen mag. Eben diese Dinge sind aber plötzlich selbstverständlich, wenn man die Evolutionstheorie zugrunde legt. Auf einmal macht alles Sinn.

MRW (1998)

Siehe auch: «Wir leben in der besten aller Welten»

Bewertung (07 artikel: das problem des leidens)
Findest Du den Text überzeugend?
Ja, sehr. Ich war vorher anderer Meinung und habe diese Meinung nun geändert.3%(1)
Ja. Vorher war ich anderer Meinung, jetzt zweifle ich.3%(1)
Ja. Ich war vorher schon dieser Meinung und der Text hat mich darin bestärkt.61%(20)
Teilweise, er regt mich zum denken an.3%(1)
Nein. Ich war vorher schon der gleichen Meinung und bleibe dies auch.3%(1)
Nein. Ich war vorher schon anderer Meinung und bleibe dies auch.12%(4)
Nein. Der Text hat mich in meiner gegenteiligen Ansicht bestärkt.15%(5)

Diskussion

Diskutiere den Inhalt dieser Seite unter:
Das Problem des Leidens

Seitenzugriffe seit 19.01.2009: hier: 7026, atheimus.ch insgesamt: 1218635; Bewertungen: 33
Wiki-Verweis auf diese Seite: [[:07_artikel:das_problem_des_leidens]]
Nächste Seite