Atheismus in der Schweiz
«Im christlichen Glauben hat die Vernunft nichts zu suchen und die Naturwissenschaft nichts zu melden.» Klaus Berger, Heidelberger Theologe

Sind Barcodes teuflisch?

Behauptung

Von christlicher Seite wird behauptet, Barcodes seien teuflisch. So gibt beispielsweise die Chefin der Sekte Fiat Lux, Frau Bertschinger alias Uriella, ihren Mitgliedern Aufkleber ab, um beim Einkaufen die teuflischen Barcodes abdecken zu können. Jeder Barcode ist links, rechts und in der Mitte mit zwei schwarzen Linien begrenzt, die etwas länger sind, als die anderen Linien. Die erste und letzte codierte Zahl ist jeweils ebenfalls etwas länger. Die folgende Grafik illustriert diese Aussage, man beachte die Doppellinien links, rechts und in der Mitte:

Bild eines beliebigen Barcodes

Die Behauptung lautet nun, dass die Zahl Sechs im Barcode einer Doppellinie entspreche, daher kommer in jedem Barcode drei mal die Sechs vor, was zusammengenommen die Zahl 666 sei, welche in der christlichen Bibel als Zahl des Tieres, als teuflische Zahl, genannt wird. Folgende Grafik zeigt die Zahl 666 im Barcode, um diese Aussage zu belegen:

Bild der Zahl 666 im Barcode

Warum eine teuflische Zahl?

Warum ist es für Christen so wichtig zu beweisen, dass in jedem Barcode die Zahl 666 codiert ist? Es geht hier um die Erfüllung einer Profezeiung aus dem neuen Testament der Bibel. An dieser Stelle möchte ich einen Christen zu Wort kommen lassen, der mit mir eine sehr angeregte Diskussion zum Thema christlich-/ mythologische Zahlentheorien geführt hat. Er schrieb mir:

Zur Zahl 666 gibt es noch eine interessante Tatsache: Auf allen Produkten, die heute über den Ladentisch gehen gibt es einen Strichcode. Am Anfang, in der Mitte und am Ende dieses Strichcodes gibt es zwei dünne durchgezogene Linien. Jeweils zwei Striche dieses Strichcodes ergeben eine Zahl. Es gibt dabei jeweils zwei Möglichkeiten um eine Ziffer (0…9) mittels Strichen darzustellen. Eine Möglichkeit der Verschlüsselung der Ziffer 6 ist genau die der zwei dünnen Linien. So steht am Anfang in der Mitte und am Ende eines jeden Strichcodes eine 6, die unterhalb des Strichcodes angegeben ist.
Nun, die Bibel hat niemals prophezeit, daß alle Produkte mit dem Zahlenwert 666 beschrieben sein wird, sondern:
Und es bringt alle dahin, die Kleinen und die Großen, und die Reichen und die Armen, und die Freien und die Sklaven, daß man ihnen ein Malzeichen an ihre rechte Hand oder an ihre Stirn gibt; und daß niemand kaufen oder verkaufen kann, als nur der, welcher das Malzeichen hat, den Namen des Tieres oder die Zahl seines Namens. «Offenbarung: 13,16/17»

In der Bibel wird auf ein Zeichen auf der rechten Hand oder Stirn gesprochen, daß jeder annehmen muß, der kaufen und verkaufen will. Hier ist mit der Stirn das Denken und mit der Hand das Handeln zu verstehen, schließt aber zugleich nicht aus, daß es einmal soweit kommen wird, daß das Denken und Handeln der Menschen von einer Macht (Generalprobe Hitler) kontrolliert werden wird, indem jeder Mensch der kaufen oder verkaufen will nicht Kreditkarten sondern ein Implantat an seiner rechten Hand und/oder Stirn eingepflanzt bekommt. […]
So könnte der Strichcode, der an allen Produkten existiert dazu dienen, die Hemmschwelle gehen ein solches Zeichen, daß an der Hand/Stirn befestigt wird, herabzusetzen. So wird Schritt für Schritt die Menschheit auf Eis geführt.

Soweit die Aussage eines Christen, der an Zahlentheorie, die Bibel, ihre Profezeiungen und Mythen glaubt. Nun geht es darum zu untersuchen, ob diese Interpretation des Barcodes mathematisch und informationstechnisch korrekt ist.

Wie ist der Barcode aufgebaut?

Um zu überprüfen, ob an dieser Behauptung tatsächlich etwas wahres ist, und ob die drei Begrenzungszeichen im Barcode tatsächlich die Zahl 666 codieren, ist es notwendig, den Aufbau eines Barcodes zu untersuchen.

Ein Barcode codiert zwölf Ziffern, von denen elf Informationsträger und die letzte eine Prüfziffer ist. Die drei doppelten Begrenzungsstriche im Barcode teilen ihn auf in zwei Felder zu je sechs Ziffern. Im linken Feld sind die Ziffern direkt codiert, im rechten Feld sind sie invertiert dargestellt (ähnlich wie ein Fotonegativ). Auf diese Weise kann das Lesegerät erkennen, ob es den Code von links nach rechts, oder von rechts nach links ausgelesen hat.

Die schwarzen und weissen Striche entsprechen binären Zahlen zu je sieben Bit (ein Bit ist die Zahl "0" oder "1"), wobei "1" durch die Farbe Schwarz und "0" durch die Farbe Weiss dargestellt wird. Die Breite eines Bits entspricht der Breite jeder der schwarzen doppelten Begrenzungslinien, respektive der von ihnen umschlossenen weissen Linie.

Die Zuordnung der Ziffern von Null bis Neun zu Zahlen lautet wie folgt:

"0"="0001101", "1"="0011001", "2"="0010011", "3"="0111101", "4"="0100011", "5"="0110001", "6"="0101111", "7"="0111011", "8"="0110111", "9"="0001011"

Interessant für die weitere Betrachtung ist lediglich die Ziffer Sechs, welche dargestellt wird als Ziffernfolge "0101111". In Striche umgewandelt sieht die Zahl sechs also wie folgt aus:

Bild der Ziffer 6 in Barcodes

Dies ist die Form, wie die Ziffer Sechs auf der linken Seite des Barcodes dargestellt wird. Wie man sieht, gibt es hier zwei weisse Striche, anstelle von zwei schwarzen. Auf der rechten Seite des Barcodes hingegen wird die Ziffer Sechs invertiert dargestellt und sieht folglich so aus:

Bild der invertierten Variante der Ziffer 6 in Barcodes

Nun sieht man die beiden schwarzen Linien, wie sie auch zur Begrenzung des Barcodes verwendet werden. Doch rechts neben den beiden schwarzen Linien sieht man auch deutlich einen weissen Bereich, der viermal dicker als die Linien und zur Codierung der Ziffer Sechs ebenso wichtig ist, wie die schwarzen Linien. Der weisse Bereich codiert vier Nullen. Wie oben dargestellt, ist die Ziffer sechs codiert durch die Bitfolge "0101111", invertiert also durch "1010000" (aus "0" wird "1" und umgekehrt). Ohne den rechten weissen Bereich wird nur die Abfolge "101" codiert, der nicht der Ziffer Sechs entspricht, sondern keine Bedeutung hat.

Um nun behaupten zu können, dass die drei doppelten Begrenzungslinien die Zahl 666 codierten, ist es folglich notwendig zu zeigen, dass nach diesen drei Nullen, das heisst drei weisse Linien folgen.

Tatsächlich aber beginnt der Barcode mit den beiden schwarzen Linien, gefolgt von nur einer weissen, also der binären Folge "1010". Darauf folgen sechs mal sieben weisse oder schwarze Linien, die die ersten sechs Ziffern der gewünschten Zahl codieren. In der Mitte erfolgt die Begrenzung durch die Folge "weiss" - "schwarz" - "weiss" - "schwarz" - "weiss", was "01010" entspricht. Die rechte Begrenzung hingegen ist nicht gefolgt von einer weissen Linie, sondern entspricht direkt der Folge "101". Weil hinter der rechten Begrenzung nur eine weisse Fläche folgt, kann man argumentieren, dass diese weisse Fläche als eine beliebige Anzahl Nullen interpretiert werden kann, also auch als die geforderten vier Nullen zur Darstellung der Ziffer Sechs. Die Codierung würde dann "1010000" lauten, was exakt der Ziffer Sechs entspräche.

Man kann die Codierung im Barcode sehr schön erkennen, wenn man eine Folge von zwölf Sechsen codiert, wie in der folgenden Abbildung dargestellt:

Bild der Zahl 666666666666 (zwölf mal die Ziffer sechs) als Barcode

Schlussfolgerungen

Von den drei doppelten Begrenzungslinien kann man höchstens von der letzten behaupten, sie repräsentiere die Ziffer Sechs und auch das nur mit viel Fantasie, muss man doch die weisse Fläche hinter der Begrenzungslinie als sechs weisse Linien interpretieren.

Die Ziffer sechs ist positiv codiert als "0101111" und negativ als "1010000". Die doppelten Begrenzungslinien würden nach dem selben Schema interpretiert als "1010", "01010" und "101". Mit etwas Interpretationsspielraum könnte man höchstens noch sagen, die letzten beiden Begrenzungslinien codierten die Ziffer Sechs mit "1010000". Die anderen beiden doppelten Begrenzungslinien haben mit der Ziffer Sechs nichts zu tun. "666" codiert sich (negativ) zu "1010000 101000 101000", die Begrenzungslinien entsprechen im für obige Behauptung günstigsten Fall der Folge "1010 01010 1010000". Das Eine hat mit dem Anderen nichts zu tun, es besteht kein Zusammenhang zwischen der gebräuchlichen Produktecodierung und der Bibel, dem Teufel, 666 oder irgendwelchen Profezeiungen. Barcodes sind nicht teuflisch.

Fazit

Wieder einmal kann gezeigt werden, dass unbewiesene Behauptungen, vor allem aus dem religiösen Umfeld, generell auf schwachen Beinen stehen. Biblischer Aberglaube, Zahlentheorien und Profezeiungen haben nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Solche "Beweisführungen" verlangen unanständig viel Interpretationsspielraum und die Resultate sind immer willkürlich oder zufällig. Geht man solchen Behauptungen auf den Grund, kann man sie fast immer widerlegen.

Religiöser Eifer, Glaube, Fanatismus, Bibeltreue, Schöpfungsmythos und Wissenschaftsfeindlichkeit sind fehl auf dieser Erde!

mrw 30.09.1998 (übernommen)

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