Atheismus in der Schweiz
«Niemand vor Stalin und Hitler hat in Europa das menschliche Leben so unentwegt aufs äusserste verachtet und in den Staub getreten, ja, dies noch — Gipfel zynischer Perversion — als «gottgewollt» verkündet, wie die christliche Kirche.» Karlheinz Deschner, deutscher Historiker, «Die Kirche des Unheils»

Staat, Gesellschaft und Religion

Der Staat

Religion ist ein gesellschaftliches Fänomen und taucht nur im Zusammenleben einer Gruppe auf. Ein einzelner Gläubiger macht noch keine Religion. Eine Religion gibt einer Gemeinschaft ein gemeines Ziel, wofür sie zu arbeiten, zu leben und zu sterben bereit ist. Was ist eine Religion anderes, als das Spiegelbild und die Stütze der jeweiligen Gesellschaftsform? Ein monotheistisches Weltbild deckt sich mit der absolutistischen Monarchie. Die christlichen europäischen und islamischen arabischen Staaten erlebten die Hochblüte ihrer Religion zu Zeiten der Alleinherrschaft absolutistischer Herrscher. In China, Japan und Ägypten war der Kaiser gleichzeitig auch Gott. Der Kommunismus hingegen kann nur Gleichheit erreichen, wenn es keinen übergeordneten Gott gibt. Leider hat der Kommunismus gerade dadurch versagt, dass er die Monarchie nicht restlos überwunden hat. Stalins oder Maos Machtposition lassen sich mit dem kommunistischen Gedankengut der Gleichheit nicht vereinbaren. Während im demokratischen Griechenland viele Götter herrschten, wird das absolutistische kaiserliche Rom, einstmals noch von vielen Göttern und einem Senat regiert, mit der Zeit durch einen allmächtigen Kaiser und das monotheistische Christentum ersetzt. Wie der Kaiser beansprucht das Christentum das weltliche und moralische Recht für sich alleine und alle Macht für seinen Gott.

Im auf das römische Reich folgenden Europa wurde das Christentum durch die katholische Kirche monopolisiert und noch stärker dem absolutistischen Weltbild angepasst (siehe hierzu auch Karlheinz Deschner, «Der gefälschte Glaube: Eine kritische Betrachtung kirchlicher Lehren und ihrer historischen Hintergründe»). Papst, Kaiser und König finden sich in Gott, Christus und dem heiligen Geist wieder. Adel erklärt sich durch Abstammung von oder Berufung durch Gott. Welcher Ketzer könnte es wagen, sich gegen Gott aufzulehnen, um für sich selbst Macht oder Rechte zu beanspruchen, die Gott ihm versagt hat? Der Herrschaftsanspruch wurde selbst auf die Wissenschaft ausgedehnt. Gott, Papst, Kaiser und die Welt sollten den Mittelpunkt der Erde und des Universums darstellen. Eine ähnliche Situation finden wir im kaiserlichen und auch im maoistischen China: der chinesische Name für China, «Zhongguo», heisst übersetzt «Reich der Mitte». Der Mittelpunkt der Erde befand sich für die Europäer in Rom, genauer im Vatikan, dem Sitz des Papstes und für die Chinesen im Tiantan (Himmelstempel) in Beijing, wo die Touristen noch heute den Stein im Zentrum der Welt besichtigen können, welcher bei religiösen Feierlichkeiten den Standort des Kaisers markierte. In Europa wurde während Jahrhunderten die einstmals blühende antike Wissenschaft brutal unterdrückt. Ideen, die nicht die Erde zum Mittelpunkt des Universums erklärten wurden schlichtweg verboten. Christentumskritik war tödlich. Das Christentum ist nichts anderes, als ein weiteres Folterinstrument des Mittelalters. Es gibt nichts, was das Unterdrückungsmittel Christentum über eine eiserne Jungfrau oder eine Folterbank erheben würde. Menschen wie Kopernikus und Galilei mussten gegen die Kirche kämpfen oder wurden zum Schweigen gebracht. Bis in die Neuzeit musste sich die Wissenschaft bemühen, bibelkonform zu bleiben. Man denke nur, wie stark beispielsweise Darwin von den Christen bekämpft wurde. Nur weil die Wissenschaft recht hatte, konnte sie sich doch noch durchsetzen. Getreu dem Prinzip der Evolution setzt sich langfristig immer durch, was richtig ist. Eine härtere Prüfung als ihre Durchsetzung gegen den Widerstand der Kirchen kann man sich als Kriterium für den Wahrheitsgehalt der modernen Wissenschaften kaum denken. Der Auflehnung gegen Monarchie und Machtkonzentration durch Wissenschaftler und Filosofen folgte zwangsläufig die Reformation, welche die Interpretation der Bibel allen Gläubigen selbst in die Hände legte, und sich dadurch vom Absolutismus abwendete. Auf die zweifelhaften Einstellungen des deutschen Reformators Martin Luther, zum Beispiel in Bezug auf seinen Antisemitismus, werde ich in diesem Buch nicht eingehen.

Das Mittelalter, das Zeitalter der Monarchie, war das Zeitalter des Christentums in Europa. Es durchdrang jeden Lebensraum, duldete keine Ungläubigen und erstickte jeden Widerstand. Dem gebeutelten Volk versprach man Besserung im Himmelreich. Jetzt im Zeitalter von Aufklärung, Gleichberechtigung, Wissenschaft, Humanismus und Demokratie bröckelt das Christentum. Es ertönt lautstark der zutiefst unchristliche Ruf nach Demokratie und Gleichberechtigung in der Kirche. So wenden sich in der Schweiz die Katholiken des Bistums Chur offen gegen den vom Papst eingesetzten Bischof, weil er den meisten zu autoritär ist. Das Christentum ist eine tyrannisch-monarchische Religion und ihr oberster Herrscher ist Gott. Die untergeordnete Position der Frau wird im alten, wie auch im neuen Testament an vielen Stellen deutlich unterstrichen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die Forderung nach Gleichheit auf den Himmel ausdehnen wird und man Gott von seinem goldenen Thron stürzt. Ich bin überzeugt, in wenigen Generationen werden wir den Monotheismus und das Christentum in den modernen aufgeklärten Staaten überwunden haben.

Das Volk

Warum die Mächtigen an einer monotheistischen Religion die ihre Macht rechtfertigt interessiert sind, sollte nun klar dargelegt sein. Nun stellt sich nur noch die Frage, was denn das Christentum dem einfachen Volk zu bieten hat. Dem Volk war nicht der Monotheismus wichtig, sondern die Heilslehre. Den Monotheismus fand das Volk im Staat bestätigt, er widersprach nicht dem damaligen Verständnis von Staat und Obrigkeit. Die Ohnmacht gegenüber dem Staat war identisch mit der Ohnmacht gegenüber Gott. Das Volk fühlte sich dem Schicksal genauso ausgeliefert, wie Gott. Furcht vor der Obrigkeit und Obrigkeitsglaube gingen einher mit Gottesfurcht und Gottglaube. Insofern gab es keinen Grund, Gott anzuzweifeln. Das gemeine Volk störte sich noch nicht an der Tyrannei des biblischen Gottes, weil es selbst nie etwas anderes als Grausamkeit erfahren hatte. Es klammerte sich an die Bibelstellen, die Gott als gütig den Seinen gegenüber darstellen. Das Christentum bot gerade das, was das gebeutelte Volk so dringend brauchte: einen Sinn für das Leiden. Ihr grosses Idol, Jesus, zeigte vor, dass es gilt Leid zu ertragen, denn es kommt von Gott und dient einem höheren Zweck. Die Aussicht für die Unbill des Alltags im Jenseits belohnt zu werden machte das Leben erst erträglich. Es galt nicht Ungerechtigkeiten zu bekämpfen, sondern sie zu erdulden. Noch heute fürchten sich viele Christen vor der Leere, die sie denken, würde sie ohne Religion erfüllen. Dabei würde die neu hinzugekommene Freiheit und Selbstbestimmung die Leere bald mit neuen Perspektiven erfüllen. Aufklärung, Humanismus, Freiheit und Verantwortung geben dem Leben einen viel stärkeren Sinn, als der Glaube an irgend eine transzendentale Allmacht, der man zwar ausgeliefert ist, die aber noch niemand gesehen hat. Es gilt nicht mehr, den Sinn des Lebens zu suchen, sondern dem Leben einen Sinn zu geben. Nicht passive Fügung in ein Schicksal sondern aktive Beteiligung am Leben ist heute gefragt. Wir müssen uns selbst einsetzen für eine bessere Zukunft und nicht auf Gottes Hilfe oder ein Himmelreich warten, in dem wir überleben können, nachdem wir die Natur vollends aufgebraucht haben.

Heilung vor Krankheit, Vorfreude auf ein besseres Leben und das Vertrauen in die Stütze eines Gottes scheint für das arme Volk des Mittelalters bis in die heutige Zeit Grund genug gewesen zu sein, dem Glauben treu zu bleiben. Das Christentum war anfänglich eine revolutionäre, herrschaftsfeindliche Bewegung, eine kleine ohnmächtige Sekte innerhalb des Judentums. Richtete sich Jesus doch immer wieder gegen die Farisäer und Schriftgelehrten, die damals die Obrigkeit repräsentierten. Es ist sicher den sorgfältigen Bibellesern schon aufgefallen, dass Gott «andere», sowohl andersgläubige, als auch andere Volker im alten Testament grausam und unnachgiebig vernichtete. Jesus hingegen hatte diese Macht nicht. Er vernichtete kein einziges Volk. Er konnte seine Strafwünsche andersartigen gegenüber nicht vollziehen, sondern musste sie ins Reich der Fantasie verlagern. Daher ist das neue Testament voll von sadistischen Straffantasien der extremsten Art. Welchem kranken Geist sind wohl Bestrafungen wie das jüngste Gericht oder ewige Höllenqualen entsprungen? Doch obschon Jesus keine Macht hatte, unterstützte ihn das Volk, weil er ihm weltliches Heil, Besserung und die baldige Errichtung einer neuen Gesellschaft versprach, eines Gottesstaates auf Erden. Erst Paulus und die Katholiken machten diese Bewegung zu einem absolutistischen Machtinstrument, welches später sogar vom imperialistischen Rom angenommen wurde.

Obschon die Christen immer wieder erzählen, wie lieb und gut ihr Gott sei, fürchten sich dennoch viele von ihnen, ihrem Gott unter die Augen zu treten und scheuen den Tod. Dabei würde ihnen doch der Tod den Einlass ins Himmelreich ermöglichen. Nur ist das Christentum eben sowohl eine Heils- als auch eine Angstreligion. Der Begriff «Gottesfurcht» ist ein typisch christlicher. Auch ist der christliche Gott häufig ein zorniger, wütender und eifersüchtiger Gott. Ein Tyrann, den man fürchten muss, tötet er doch Erstgeborene gleich zu Tausenden, schickt Fluten, Feuerregen und droht mit ewigem Brennen in der Hölle. Aber eben diese Drohgebärden halten viele wankelmütige Christen davon ab, ihrem Gott endgültig den Rücken zu kehren. Was, sagen sie sich, wenn es doch einen Gott gibt, wäre die Strafe, die ich zu erwarten hätte nicht furchtbar? Folgerichtig bezahlen sie brav weiter ihre Kirchensteuern lassen sich im Gottesdienst aber nie blicken. Solche angstgläubige Christen sollten sich mal ernsthaft überlegen, ob sie wirklich einem grausam strafenden Gott weiter huldigen sollen, oder ob sie sich nicht gegen ihn erheben und mit gutem Gewissen untergehen wollen.

Echte Freiheit und Demokratie können wir somit nur erreichen, wenn wir konsequent Gott den Rücken zuwenden und aus den Kirchen austreten. Wir dürfen nicht akzeptieren, dass wenige über viele herrschen und Moral durch eine geistliche, statt geistige, Elite monopolisiert wird. Das Christentum gehört zusammen mit Folterbank, Pranger und eiserner Jungfrau ins Museum der europäischen Kulturgeschichte. Schicken wir das Christentum dahin zurück, wo es herkommt: ins Mittelalter!

Entwicklung und Ausblick in die Zukunft

Die Resultierende der Entwicklung innerhalb der Geschichte ist, wie in der Evolution, über lange Zeit gesehen immer eine positive, das heisst die Entwicklung geht trotz aller Rückschläge immer weiter nach vorn. So wird der Verstand immer mehr und immer besser verstehen können. Die Ideen entwickeln sich weiter, gründen doch neue Ideen auf den Erkenntnissen Ihrer Vorgänger. Wenn nun heute die Entwicklung immer mehr Richtung Gleichberechtigung und Demokratie geht, so nur aus dem Grund, weil diese Ideen den Menschen ein besseres Zusammenleben ermöglichen. Die Idee der Gleichberechtigung ist also eine bessere, als die der Monarchie und Geburtsrechte. Somit ist auch das religiöse System der Gleichberechtigung, die Gottlosigkeit, das bessere, als der monarchistische Monotheismus. Wohl gemerkt, dies heisst natürlich noch lange nicht, dass diese Idee die richtige ist. Dazu müssten wir erst diskutieren, ob es eine «richtige» Idee überhaupt gibt. Sie ist die bessere, im Sinne der menschlichem Überlebensfähigkeit und ihrer Übereinstimmung mit unserer Wahrnehmung der Wirklichkeit. Ganz gleich wie stark sie bekämpft werden, setzen sich die richtigen Ideen langfristig immer durch und werden durch folgende Beobachtungen immer wieder bestätigt, während die falschen wieder verschwinden.

mrw 1998 (übernommen)

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