Atheismus in der Schweiz
«Die Kirche rollt durch die neue Zeit dahin wie ein rohes Ei. So etwas von Empfindlichkeit war überhaupt noch nicht da. Ein scharfes Wort, und ein ganzes Geheul bricht über unsereinen herein: Wir sind verletzt! Wehe! Sakrileg! Unsere religiösen Empfindungen… Und die unseren—? Halten Sie es für richtig, wenn fortgesetzt eine breite Schicht des deutschen Volkes als «sittenlos», «lasterhaft», «heidnisch» hingestellt und mit Vokabeln gebrandmarkt wird, die nur deshalb nicht treffen, weil sie einer vergangenen Zeit entlehnt sind? Nehmt ihr auf unsere Empfindungen Rücksicht? Ich zum Beispiel fühle mich verletzt, wenn ich einen katholischen Geistlichen vor Soldaten sehe, munter und frisch zum Mord hetzend, das Wort der Liebe in das Wort des Staates umfälschend — ich mag es nicht hören. Wer nimmt darauf Rücksicht?» Kurt Tucholsky, deutscher Schriftsteller, 1890-1935

Unglaube ist ungefährlich

Ein Plädoyer gegen Gottglaube aus Angst

Sollte es trotz aller Widersprüche doch einen Gott geben, so hat ein Gottesleugner und Gottesgegner wie ich trotzdem auch nach seinem Tode nichts zu befürchten. Wenn dieser Gott wirklich gut ist, so wird er nicht die fehlende Erkenntnis verurteilen, denn er wird die eingeschränkte Erkenntnisfähigkeit des Menschen berücksichtigen müssen. Ist er unser Schöpfer, so hat er selbst den Menschen die Erkenntnis gegeben. Ansonsten hätte er zumindest die Macht und Pflicht gehabt, sich angemessen zu zeigen. Ein guter Gott würde einen Menschen niemals dafür verurteilen können, was dieser Mensch in bestem Wissen, Gewissen und mit voller Überzeugung getan hat, denn Wissen, Gewissen, Überzeugung und Verstand sind menschliche Eigenschaften und kämen unter Umständen gar von Gott selbst. Hätte Gott gewollt, dass dieser Mensch zu ihm findet, hätte Gott die Möglichkeit dazu gehabt, sich in der für diesen Menschen richtigen Art zu offenbaren, während dem Menschen durch seine gegebenen Beschränkungen diese Möglichkeit fehlte.

Ein guter und gerechter Gott würde so handeln. Ein schlechter Gott hingegen nicht. Ein bösartiger Gott könnte durchaus auf die Idee kommen, uns für unsere Menschlichkeit zu bestrafen. Aber einen schlechten Gott anzubeten ist ein Verbrechen, dass wir besser nicht begehen wollen. Lieber gehe ich daran zugrunde, gegen einen schlechten Gott anzukämpfen, als mich zu seinem Komplizen machen zu lassen.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass ein Gott durch seine Macht die Pflicht hat, jeden Menschen auf den rechten Weg und hin zum richtigen Glauben zu führen. Wenn nun aber Du oder ich nicht an einen Gott glauben, so heisst das, dass es mit absoluter Sicherheit keinen Gott gibt, der uns auf den richtigen Weg führen will. Gäbe es einen solchen Gott, so würden wir ihn zwangsläufig erkennen können. Weil es Menschen gibt, die Gott nicht erkennen können, wissen wir, dass es entweder keinen Gott gibt, oder dass sich dieser nicht um uns bemüht. Wenn es einen Gott gibt, der sich aber nicht zu erkennen gibt, hat er kein Recht, uns wegen unseres Unglaubens zu verurteilen. Tut er es dennoch, ist er böse und ungerecht und wir sind verpflichtet, uns gegen ihn zur Wehr zu setzen, um uns nicht zu Mittätern machen zu lassen.

Siehe auch: Die «Pascalsche Wette»

MRW (1998)

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