Atheismus in der Schweiz
«Vor allem andern tröstet das Christentum; aber es gibt Seelen, die von Natur aus glücklich sind und die Trost nicht nötig haben. Diese aber macht das Christentum unglücklich und weiter hat es keinen Einfluss auf sie.» Andre Gide, französischer Schriftsteller, 1869-1951

Warum werden Menschen zu Christen?

Ein häufiges Argument von Seiten des Christentums für seine Sache ist die grosse Zahl seiner Anhänger. Gerne wird darauf verwiesen, dass das Christentum die grösste aller Religionen sei. Daher ist die Frage, wie diese Anhängerschaft zusammen kommt und wie sie sich zusammensetzt von grosser Brisanz.

Die Struktur des Christentums

Zunächst einmal gilt es zu untersuchen, über wie viele Anhänger das Christentum tatsächlich verfügt und wie sich diese zusammensetzen. Nach meinem bereits etwas in die Jahre gekommenen Lexikon von 1980 sind weltweit nicht ganz ein Viertel aller Menschen Christen. Selbst zusammen mit den beiden anderen semitischen Religionen, dem Judentum und dem Islam kommt man auf nicht einmal ein Drittel der Weltbevölkerung. Dieses Viertel spaltet sich weiter auf in unzählige Splittergruppen mit teilweise höchst unterschiedlichen, stark widersprüchlichen Ansichten und Dogmen.

Da wäre aus europäischer Sicht zum einen die römisch katholische Kirche, die den Alleinherrschaftsanspruch über alle Christen unter ihrem Oberhaupt, dem Papst fordert. Diese ist streng hierarchisch, antidemokratisch, patriarchalisch und absolutistisch strukturiert. Diese weströmische Kirche spaltete sich bereits früh von der oströmischen, byzantinischen Kirche ab, aus welcher wiederum die russisch- und die griechisch orthodoxen Kirchen hervorgingen. All diesen Kirchen gemeinsam ist ihre Erstarrung in einer mittelalterlichen Zeremonien- und kultzentrierten feudalistischen Form, sowie ein (frauenfeindlicher, daher der Name) Patriarch als absolutistisches Oberhaupt.

Zur Zeit der Renaissance, als der Katholizismus den Höhepunkt seiner Dekadenz erreicht hatte, glaubten einige versessene Priesterseelen, die Verweltlichung der Religion stoppen zu müssen, indem sie die Kirche reformieren wollten, so der Antisemit Martin Luther in Deutschland oder Zwingli und Calvin in der Schweiz. Sie skandierten, dass die Bibel das einzige Fundament des Glaubens sei, während die katholische Kirche sich nach wie vor auch auf die Tradition beruft. Im Gegensatz zur katholischen Kirche glaubten die Reformer, dass nicht nur auserwählte und gelehrte Priester, sondern jeder Mensch befähigt sei, die Bibel zu lesen und zu verstehen. Doch Laien waren noch weniger in der Lage, zu einer einheitlichen Interpretation der Bibel zu gelangen, als zuvor bereits die über Jahrhunderte hinweg immer wieder heftig zerstrittenen katholischen Priester und Bischöfe. So spalteten sich seit der Reformation tausende von Sekten von der reformierten Kirche ab. Aus einem ganz anderen, viel pragmatischeren Weg gelangte England zur Reformation - der für seine vielen Frauen bekannte und berüchtigte englische König Heinrich VIII wollte sich scheiden lassen. Da die katholische Kirche keine Scheidung kennt und der Papst die Ehe nicht für ungültig erklären lassen wollte, gründete Heinrich kurzerhand seine eigene Konfession und spaltete die anglikanische von der römisch katholischen Kirche ab.

Selbst innerhalb der gleichen Konfession gibt es zum Teil eklatante Unterschiede aufgrund der vorchristlichen Tradition. So wie bei uns in Europa das aufkommende Christentum die bestehenden heidnischen Bräuche aufgesogen und an seine Bedürftnisse angepasst hat, so geschah das auch auf den zur Kolonialzeit zwangschristianisierten Philipinen. In Europa hat das Christentum das vorchristliche Wintersonnwendfest, die Feier der längsten Nacht zum 21. Dezember, nach der die Sonne wieder zunimmt und das Leben neu erwacht, als Weihnacht wiederverwertet. So konnte man der nicht christlichen Bevölkerung die Abkehr von den alten Bräuchen erleichtern. Geblieben ist nur noch der Tannenbaum, als Symbol für die blühende Natur, die auch den Winter übersteht und die Lichter, die die dunkelste aller Nächte erhellen sollen. Ostern war früher ein fröhliches Fest der Fruchtbarkeit, von dem uns nur die Fruchtbarkeissymbole Eier und Hasen als Hinweis geblieben sind. Das körperfeindliche, naturverachtende Christentum konnte diese Freizügigkeit nicht dulden und machte aus dieses Fest zur Erinnerung an eines der dünkelsten Kapitel der Bibel, den von Gott verordneten Mord an seinem eigenen Sohn als Menschenopfer für ein angebliches Fehlverhalten der Menschheit. Auf den Philipinen lassen sich heute noch Menschen katholischen Glaubens zu Ostern als Märtyrer selbst ans Kreuz schlagen. Dieser blutige Brauch löst bei den europäischen Katholiken nur Kopfschütteln aus, obschon beide derselben Konfession angehören. Auch haben die Philipinen ihren Polytheismus nie aufgegeben. Da sie nun aber nicht mehr ihre Götterstatuen verehren dürfen, der eifersüchtige christliche Gott toleriert keine anderen Götter neben ihm, schnitzen sich die Philipinos unzählige Figuren der unterschiedlichsten katholischen Heiligen, welche sie mit dem Segen der Kirche verehren und anbeten dürfen.

Das Christentum ist in keiner Hinsicht eine einheitliche Lehre, es veränderte sich über die Zeit und es variiert in den verschiedenen Regionen dieser Erde teilweise sehr heftig. Die unterschiedlichen Splittergruppen sind sich teilweise spinnefeind, wie nicht nur die Zeiten der mittelalterlichen Ketzerverfolgungen und Religionskriege belegen, sondern auch das neuere Beispiel des Nordirland Konflikts sehr schön zeigt. Diese Voraussetzungen sind äusserst ungeeignet, um den Menschen die Wahrheit zu verkünden, wie das alle christlichen Gruppierungen jeweils für sich beanspruchen.

Die Ausbreitung des Christentums

Es gibt kaum eine Religion, die intoleranter wäre, als das Christentum, kaum eine die mehr missionierte, kaum eine die fremden Bräuchen und Kulturen gegenüber geringschätziger eingestellt wäre. Dies ist wohl ein Hauptgrund für die weite Verbreitung des Christentums. Wo gläubige Christen hinkommen, versuchen sie zu missionieren und zu christianisieren. Dies geschieht teilweise sanft, indem versucht wird, ein vorbildliches Leben zu führen, aber auch durch die Errichtung von Abhängigkeiten durch karitative Werke, sogenannte gute Taten, die Einrichtung von Kirchen und christlich orientierter Schulen, aber auch mit roher Gewalt, mit dem fällen heiliger Bäume, der Zerstörung von Tempeln und der Ermordung fremder Priester. Unter anderen Religionen ist ein solcher Eifer gänzlich unbekannt. Der tibetische Dalai Lama hat sich sogar explizit gegen die Konvertierung zum Buddhismus ausgesprochen, als er sagte, ein jeder solle seiner Tradition treu bleiben. Eine solche Toleranz ist den Christen, den selbsternannten Verkündern der absoluten und höchsten Wahrheit, gänzlich unbekannt. Auch gehöre ich unter den religionsfreien Menschen zu einer verschwindenden Minderheit mit meinem Einsatz zu Gunsten des Atheismus. Die meisten Ungläubigen leisten sich zwar eine eigene Meinung, erachten es aber als unnötig, anderen ihr Denken näherzubringen oder mit ihnen zu diskutieren. Meine Streitfreudigkeit kommt wohl auch zu einem grossen Teil daher, dass ich mich nur unter grossen Anstrengungen von der kleinlichen Weltanschauung meiner tiefreligiösen Eltern losreissen konnte, und dass mich die aufdringliche christliche Missioniererei dermassen nervt, dass ich dem etwas entgegenhalten will.

Der christliche Missionseifer ist sicherlich eine der Hauptursachen, warum sich diese Religion wie ein Krebsgeschwür ausbreitete. Er erklärt aber noch nicht, wie das Christentum im Mittelalter jemals zur staatstragenden Macht gelangen konnte, denn die Politik wird durch die Mächtigen bestimmt, nicht von Fanatikern. Viele Staaten werden durch eine gemeinsame Religion zusammengehalten. Das Volk braucht etwas, woran es glauben kann, was ihm Hoffnung gibt, sein Opium, und die Mächtigen brauchen eine Legitimation ihrer Macht. Ein von Gott eingesetzter Herrscher, was für eine hervorragend geeignete Legitimation für ein absolutistisches Herrschaftssystem. Die Salbungen zum König im alten Testament der Bibel geben die richtige Voraussetzung dafür. Nachdem die römischen Kaiser einsehen mussten, dass sie den christlichen Fanatikern nicht Herr werden konnten, lernten Sie das Potenzial des Christentums für sich selbst und ihre Herrschaft zu nutzen. Da das römische Reich zur Zeit seiner Christianisierung noch grosse Teile Europas umfasste, wurde dieses sowohl von oben zwangskonfessionalisiert, wie auch von unten durch fanatische Anhänger missioniert. Als das römische Reich zusammenbrach, blieb nur noch die staatstragende Religion übrig, welche durch die ablösenden neuen Staaten weiter genutzt wurde. Die Christianisierung Europas hat mit Macht und Geschichte zu tun, nichts hingegen mit Wahrheit.

Die meisten Christen sind Christen, weil sie in eine christliche Kultur hineingeboren wurden, nicht durch Studium und Nachdenken. Nachzudenken und zu studieren begangen sie erst nachdem sie in einer Umgebung der christlichen Traditionen aufgewachsen waren, nachdem ihnen die Lügen des Christentums so oft wiederholt wurden, bis sie sie für Wahrheit hielten. Wären diese Menschen in einer anderen Kultur aufgewachsen, ich bin überzeugt, sie wären heute genauso begeisterte Anhänger einer anderen Religion. Dies gilt auch für Menschen, die sich erst als Jugendliche oder Erwachsene zum Christentum bekannten, denn auch sie sind in einer christlichen Umgebung aufgewachsen und wurden durch sie beeinflusst. Durch diese Beeinflussung von Kindsstatt an ist vielen Menschen ein Kern christlichen Glaubens in die Wiege gelegt worden, welchen sie später auf der Suche nach Wahrheit nie mehr ganz loswerden können. Wenn sie diesen Kern bei christlichen, esoterischen oder buddhistischen Meditationen wiederentdecken, glauben sie stolz, das Göttliche im Menschen gefunden zu haben, dabei haben sie nur wiederentdeckt, was ihnen schon früh eingepflanzt wurde. Dabei hatte bereits Arthur Schopenhauer darauf aufmerksam gemacht, dass ein Mensch den grössten Blödsinn für Wahr halten kann, wenn man es ihm nur als Kind genug oft feierlich vortragen würde. Mit Wahrheit hat dies nichts zu tun.

MRW (1998)

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