Atheismus in der Schweiz
Diskussion

23.10.2007 01:43 - mrw

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Diskussionsbeitrag:

Am 23.10.2007 01:43 schrieb mrw:

Antwort an David: Die Bibel und ihr Zeitgeist

Ihr «braven» Christen seid Wegbereiter der «bösen» Fundamentalisten

Was sollen wir dagegen tun?

Das Christentum aufgeben. Die Bibel als unethisch ablehnen. Ein Buch, aus dem sich Böses ebenso wie Gutes ableiten lässt, kann keine Grundlage für eine ernstzunehmende Ethik sein.

Die Bibel ist oft grausam und unmenschlich

Nicht mehr als andere Zeitzeugen. So war die Zivilisation dazumals. Wer sagt denn, dass alles ins heute übertragen wird?

Aber genau das ist die Bibel: Ein Zeitzeuge, ein Produkt des Zeitgeistes der Levante vor (über) zweitausend Jahren – nicht mehr und nicht weniger.

Was die Bibel nicht ist: ein göttliches Buch, denn dann müsste sie zeitlos sein und das ist sie nicht.

Ein über weite Teile grausames und unmenschliches Buch kann und darf nicht Basis einer modernen Ethik sein. Auch wenn die Bibel in die damalige Zeit passte, in die heutige Zeit passt sie nicht!

z.B. heisst, dass man Hexen verbrennen muss

WO?? Steht das?? Kannst du mir bitte die Bibelstelle nennen?

Dass man sie verbrennen muss, ist eine Erfindung des Mittelalters, aber dass man «Zauberinnen» (unterscheidet sich je nach Übersetzung, in einer englischen Bibel las ich an selbiger Stelle «Witches») nicht töten muss steht im Anschluss an die zehn Gebote unter Exodus 22.17: «Eine Zauberin sollst du nicht am Leben lassen.»

Jeder Versuch, die Bibel in die heutige Zeit zu retten muss in einem Fiasko enden.

Warum?

Weil sie nicht dem heutigen Zeitgeist entspricht. Heute ist die Todestrafe verpönt, ebenso Völkermord und wozu Gott sein Volk sonst noch so angestiftet hat. Wir halten keine Sklaven mehr und verkaufen auch unsere Töchter nicht in n, die Sklaverei (Exodus 21.7). Wenn unsere Gäste bedroht werden, halten wir es nicht mehr für normal, unsere jungfräulichen Töchter zur Vergewaltigung anzubieten, wie das in der Bibel vorgelebt wird (Genesis 19.8). Ausserdem sind wir heute nicht mehr der Auffassung, dass der Mann über die Frau herrschen soll (Genesis 3.16). «Wer den Göttern opfert, ausser dem Herrn allein, soll mit dem Bann (der ‹Bann› war ein Todesurteil!) belegt werden.» (Exodus 22.19), widerspricht ebenso unserer Vorstellung von Religionsfreiheit, wie das Einreissen von Altären fremder Götter (Deuteronomium 7.5). Die Androhung von Folter (Höllenqualen) ist ein Verstoss gegen die Genfer Konventionen (z.B. Markus 9.42, Matthäus 5.21, Lukas 12.4).

Wie Du sagst: Die Bibel ist das Produkt eines längstens überwundenen Zeitgeistes. Sie war aber bereits damals, als sie noch neu war, ethisch und moralisch weit hinter dem Zeitgeist Athens zurückgeblieben. Die Bibel hat die Menschheit aus der blühenden Antike ins finstere Mittelalter zurückgeworfen. Erst die Renaissance, die Wiederentdeckung der heidnischen griechisch-römischen Werte, hat uns das offene, moderne und menschliche Leben ermöglicht, das wir heute geniessen. Die Menschheit hat wegen den Christen fast tausend Jahre verloren!

Nicht zuletzt bist auch Du ein Profiteur von Humanismus und Aufklärung, so absurd das auf den ersten Blick klingen mag, aber ohne die den Pfaffen abgetrotzten Freiheiten würdest auch Du mit Deinen Vorstellungen vom «wahren Christentum» auf dem Scheiterhaufen verbrannt! Im Mittelalter, als das Christentum die absolute Macht hatte in Europa, so wie der Islam heute in Saudi-Arabien, und als Staat und Kirche noch nicht getrennt waren, sondern eine Einheit bildeten, hättest Du mit Deiner Vorstellung vom Christentum ein kurzes Leben gehabt.

Du wirst nun einwenden, dass ich die katholische Kirche mit dem Christentum gleichsetze. Nun, im Mittelalter entsprach das der Realität: Es gab kein Christentum ausserhalb der römisch-katholischen Kirche. Ausserdem hat sich die römisch-katholische Kirche auf die genau gleiche Bibel berufen (und tut es heute noch), wie Du. Für die Katholiken ist der Papst der einzig legitime Nachfolger von Petrus, dem Fels, auf den Jesus bauen wollte. Sag mir ein objektives Kriterium, anhand dessen man sicher unterscheiden kann, dass Du recht hast und die nicht! Es steht Aussage gegen Aussage und Interpretation gegen Interpretation. Nur weil sich ein kleinlicher antisemitischer Mönch namens Martin Luther gegen die allzu dreiste Abzocke im Ablasshandel auflehnte, hast Du heute überhaupt das Recht, anderer Meinung zu sein. Und nur weil im Zuge von Humanismus, Aufklärung und Säkularisierung auch die reformierte Kirche ihre Macht abgeben musste, darf Deine Meinung von der Luthers abweichen. Du verdankst mehr dem Kampf gegen Religion, Christentum und Kirchen, als der Bibel! Deine Freiheit zur eigenen Bibelinterpretation wäre Dir nicht in dem Masse gegeben, wäre das Christentum noch so sehr an der weltlichen Macht, wie das vor noch nicht allzulanger Zeit der Fall war.

Darum wehren wir uns strikte gegen jegliche staatliche Bevorzugung irgendeiner Religion und setzen uns ein für eine strikte und unbedingte Trennung erstens zwischen Staat und Religion, aber auch zweitens zwischen Wirtschaft und Religion. Der Staat hat alle Bürger gleich zu behandeln. Das kann er nur, wenn er den Bürgern bedingungslos säkular gegenübertritt. Gleiches gilt aber auch für die Wirtschaft: Dienstleistungen sind religionsneutral zu erbringen. Wer in der Migros einen Salat kauft, will nicht, dass damit die Scientology unterstützt wird. Der öffentliche Raum ist grundsätzlich von Religion und religiösen Symbolen frei zu halten. Im Privaten hingegen ist eine genauso bedingungslose Religionsfreiheit angesagt, wie in der Öffentlichkeit bedingungslose religiöse Abstinenz angebracht ist. Anders gesagt: Religion ist reine Privatsache und so soll es auch gehandhabt werden.

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