Atheismus in der Schweiz
Diskussion

Ist «Liebe» das oberste Gebot [Re: Die zehn Gebote sind gut] (mrw)

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Diskussionsbeitrag:

Am 24.10.2008 09:58 schrieb mrw:

Hmm, diese Diskussion kommt mir irgendwie bekannt vor, das hatten wir doch schon einmal. Vielleicht mit Memorystick?

Am 24.10.2008 00:02 schrieb gwendolan:
Das oberste Gebot, welches nicht bei den zehn Geboten steht, aber diese zusammenfasst, handelt auch von der zwischenmenschlichen Liebe. Es würde der Liebe widersprechen, nicht zu heilen.

Wie kommst du darauf, dass "Liebe" das oberste Gebot sei? Hast du das selbst erfunden?

Jesus hat etwas in die Richtung gesagt, doch die Interpretation ist auch hier nicht klar. Jesus spricht von Liebe, droht aber gleichzeitig mit ewigen Höllenqualen. Liebe und solche unmenschlichen Drohungen, das passt nicht zusammen.

Dann bist du ein besserer Gesetzgeber als der biblische Gott - was zugegebenermassen nicht sehr schwer ist. Und warum würde es nicht bei den 10 Geboten stehen, wenn es tatsächlich das "oberste Gebot" wäre?

Weil es erst viel später dazugekommen ist. Und auch bei Jesus alles andere als eindeutig ist.

In einem so dicken Buch, wie der Bibel, die voll ist von Hass, Drohung und Gewalt, — und ich betone: Hass, Drohung und Gewalt, die von Gott ausgeht, nicht von den Menschen —, in einem solchen dicken Buch voll von Menschenverachtung und Brutalität, kann «Liebe» nicht mehr als ein Lippenbekenntnis sein.

Selbst bei Jesus denkt man nur im ersten Augenblick an wahre Liebe, z.B. wenn er andere Menschen heilt, oder eine Ehebrecherin vor der Steinigung bewahrt. Und da hören die Christen dann auch schon auf zu denken und zu lesen. Wenn man aber den Zusammenhang betrachtet, ist schnell klar, dass es mit «Liebe» nicht weit her ist. Auf der einen Seite rettet Jesus eine Ehebrecherin, an einer anderen Stelle aber beschwert er sich, dass Kinder, die ihre Eltern fluchen nicht mehr hingerichtet werden, wie früher (siehe: Jesus war nicht gegen die Todesstrafe). Selbst wenn man die Geschichte mit der Ehebrecherin genauer studiert, so war er nicht gegen die Todesstrafe, vielmehr versuchte man, ihn in die Enge zu treiben und er hatte mit der Aussage, dass derjenige, der ohne Schuld sei den ersten Stein werfen soll, nur selbst die Haut gerettet.

Wenn er sagt, die Liebe sei sein wichtigstes Gebot, so muss das im Kontext wieder relativiert werden. Es scheint, als gälte die Liebe bei Jesus nur unter den Brüdern und Schwestern christlichen Glaubens, aber nicht wirklich gegenüber seinen Feinden, denn diesen will er einen Mühlestein um den Hals hängen und im Brunnen versenken. Oder sie landen in der Hölle, dem Feuer, das ewig brennt.

Auch Gott selbst liebt die Menschen nicht. Eltern, die ihre Kinder lieben, würden niemals die Kinder auf die Strasse werfen, wenn diese ihnen nicht gehorchen. Sie würden auch keine Gewalt anwenden, sondern vielmehr mit den Kindern reden und die Kinder ernst nehmen. Wenn die Kinder schlecht herauskommen, ist das nicht etwa die Schuld der Kinder, sondern vielmehr die Schuld der elterlichen Erziehung. Daher werden liebende Eltern auch einfach ihren Kindern die Schuld zuweisen und sich selbst aus der Verantwortung ziehen. Liebende Eltern sagen nicht, dass die Kinder schlecht herausgekommen seien, weil sie einen freien Willen hätten. Vielmehr würden liebende Eltern den Fehler bei sich und ihrer Erziehung suchen, und von sich selbst ausgehend versuchen, den Kindern zu helfen.

Nehmen wir mal an, der biblische Gott würde existieren und hätte die Menschen erschaffen. Der biblische Gott ist da ganz anders. Er wirft die Menschen beim ersten Verstoss gegen seine Regeln aus dem Paradies. Dann belastet er sie noch zusätzlich mit einer Erbschuld. Keine Mutter und kein Vater der Welt würden ihre Enkel dafür verantwortlich machen, wenn sie Streit mit ihrem Kind hatten. Dabei ist es hier noch viel schlimmer: Gott hat die Menschen erschaffen. Niemand hat das Recht, seine eigene Schöpfung zu verurteilen, auch Gott nicht, denn er ist höchstselbst im Vollen Umfang dafür verantwortlich. Der Mensch ist so, ganz genau so, wie er von Gott erschaffen wurde. Der Mensch kann nichts für seine Fehler, Gott hingegen schon. Gott hat den Menschen erschaffen, mit all seinen Fehlern. Folglich kann er nicht den Menschen dafür verantwortlich machen, was er selbst falsch gemacht hat. Die Christen bemühen hier gern den ominösen «freien Willen», doch auch dieser wurde von Gott gegeben. Gott hat es dabei unterlassen, den Menschen Wissen und Weisheit zu geben, diesen freien Willen verantwortungsbewusst anzuwenden. Ein wissender und weiser Mensch macht keine Dummheiten. Freiheit aber bedarf der Verantwortung und die muss erlernt werden. Wenn der Mensch im Paradies versagt hat, so liegt das daran, dass Gott ihn nicht unterrichtet hat, Gott hat ihm nicht beigebracht, den freien Willen verantwortungsbewusst zu verwenden, er hat dem Menschen Wissen und Weisheit vorenthalten. Gott hat in der Erziehung versagt. Und statt sich nun wie liebende Eltern zu verhalten, statt den Menschen den Gebrauch von Freiheit und die Übernahme von Verantwortung beizubringen, tut er das, was Rabeneltern tun: Er wirft sie raus.

Mein Fazit ist: Unter «Liebe» versteht die Bibel etwas ganz abartiges und perverses. Das, was wir Menschen unter Liebe verstehen, ist etwas völlig anderes, als das, was in der Bibel unter dem Etikett «Liebe» läuft, denn mehr als ein Etikett ist das dort nicht. Es ist dasselbe, wie der Begriffsmissbrauch von Datura in Bezug auf den Pantheismus: Die Bibel benutzt das Wort «Liebe», aber sie definiert «Liebe» ganz anders, als der Rest der Menschheit und schafft damit Verwirrung. Die Christen bemühen sich dennoch redlich, irgendetwas positives in diesem Wirrwarr von Hass, Drohung und Gewalt zu finden, den die Bibel predigt. Und sie können wenige Zitate vorweisen, die auf den ersten Blick tatsächlich positiv erscheinen, doch wie oben gezeigt, genügt genaueres Hinsehen, und die Beachtung des Zusammenhangs, um zu sehen, dass das leichtsinnige, nicht fertiggedachte Fehlschlüsse sind.

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