Atheismus in der Schweiz
Diskussion

15.10.2007 15:26 - mrw

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Diskussionsbeitrag:

Am 15.10.2007 15:26 schrieb mrw:

Antworten an diko

Urknall und Wissenschaft

Die Wissenschaft kann auch Dinge untersuchen, zu denen sie keinen direkten Zugang hat […]

Wenn Du solche Theorien wie den Urknall mit reinpackst, dann ist das aber falsch. Denn das ist ein Geschehen der Vergangenheit, das eben nicht "jetzt" messbar ist (ich weiß, dass es dazu Theorien gibt, die dann berechnen wollen, wie das mit dem Licht, den Sternen etc. ist, aber trotzdem macht das den "Urknall" nicht zum einem aktuellen Geschehen).

Es macht den Urknall zu einem messbaren Geschehen, auch wenn es in der Vergangenheit liegt. Man hat die sehr ungewöhnliche Theorie des Urknalls nicht grundlos entwickelt, und sie hat sich deswegen durchgesetzt, weil sie der Beobachtung entspricht.

Eine erweiterte vereinigte fysikalische Theorie könnte durchaus auch Aussagen darüber machen, was vor dem Urknall war, respektive wie der Urknall zustande kam. Auch hier würde man aus der Theorie Aussagen ableiten, die sich nur indirekt prüfen liessen — aber sie liessen sich prüfen; und das ist das, was Wissenschaft von Religion unterscheidet.

Ich sage: Man kann aus der Beobachtung dieser Welt Schlüsse darüber ziehen, wie sie entstand. Diese Schlüsse kann man durch Vorhersage und Experiment prüfen.

Du sagst: Die Entstehung der Welt kann man nur aus alten Büchern ablesen, die göttlich inspiriert sind. Dabei darf man aber nur die Bibel verwenden, und nicht etwa irgendeine andere heilige Schrift. Dies sind absolute Wahrheiten, die man nicht überprüfen kann (nicht überprüfen darf, z.B. Genesis 2.17).

Wenn Du da nicht merkst, wie absurd Deine Aussage ist, kann ich Dir auch nicht weiterhelfen.

Dein Problem und das vieler Deiner Mitchristen ist, dass Du nicht verstanden hast, wie Wissenschaft funktioniert. Weder kennst Du die Tätigkeitsbereiche, noch die Methodik, noch die Art und Weise, wie mit Fehlern umgegangen wird.

Es gibt, wie Du hoffentlich weißt, einige christliche Wissenschaftler, die bahnbrechende Gedanken im wissenschaftlichen Bereich hatten oder entsprechende Erfindungen forciert haben.

Hier muss man zum einen ganz klar unterscheiden zwischen früher und heute. Vor mehr als 100 Jahren war es zumindest mal sehr schwierig, nicht an einen Gott zu glauben, weil das Umfeld nicht entsprechend war. Auch heute noch gibt nicht jeder offen zu, dass er Atheist ist, obschon er nicht an einen Gott glaubt.

Auf der anderen Seite ist es statistisch erwiesen, dass mit zunehmender Bildung und zunehmender wissenschaftlicher Kompetenz die Religiosität abnimmt. Unter den Nobelpreisträgern sind Menschen, die sich zu einer Religion bekennen eine Ausnahme. Bildung ist der beste Schutz vor Religion.

Ein religiöser Biologe, Psychologe etc. wird Forschungen und Ergebnisse dazu bringen, was die Religion stützt. Ein nicht-religiöser Wissenschaftler wird Ergebnisse bringen, die die Religion zumindest anzweifeln.

Die Wissenschaft ist neutral, sucht aber nach natürlichen Erklärungen. Solange natürliche Erklärungen gefunden werden können, gibt es keinen Grund, nach übernatürlichen Erklärungen zu suchen. Darum kann ein Gott nebst der Wissenschaft auch nur ein Gott der Lücken sein, der jede Lücke verlassen muss, sobald die Wissenschaft sie füllt.

Gott ist von vornherein gar kein Thema!

Es gibt sehr viele Gründe, weshalb «Gott» kein Thema ist. Viele davon habe ich genannt. Siehe hierzu auch Richard Dawkins, «Der Gotteswahn», er erklärt auch ausführlich, warum Gott kein Thema mehr ist.

Gott ist nicht «von vornherein» kein Thema, sondern als Resultat jahrhundertelanger Forschung. Früher wurde alles einem Gott zugeschrieben, vom privaten Schicksal über Kriege bis zu Blitzen und der Erschaffung der Welt. Vor Darwin hat die Wissenschaft die Schöpfungstheorie ernst genommen. Ein erstes Mal wurde dies erschüttert, als man Fossilien ausgestorbener Lebewesen fand. Man nahm als Erklärung an, dass Gott die Lebewesen vernichtete, wie bei der Sintflut, und neu schuf. Durch immer neue Fossilienfunde wurde diese Erklärung immer komplizierter, bis man, soweit ich mich erinnere, bei ca. 70 Neuschöpfungen angelangt war. Die Biologie war an einem toten Punkt angelangt und kam erst weiter, als Darwin (nach langem Zögern) Gott stürzte und den «Ursprung der Arten» veröffentlichte. Plötzlich gab es eine einfache und schlüssige Erklärung für das, was man zuvor nicht lösen konnte, als «Gott» noch ein Thema war.

Wer von vornherein ausschließt, dass es einen Gott gibt, der MUSS sich Wunder etc. anders erklären!

Die Frage ist: Gibt es eine andere Erklärung, als Wunder? Wenn ja, ist die andere Erklärung die plausiblere, denn sie deckt sich mit dem, was wir sonst so alles über unsere Welt wissen. Früher, als die Menschen noch alle an Wunder glaubten, sind sie mit ihrem Verständnis der Welt eben nicht weitergekommen. Erst seit die Welt (wieder) wissenschaftlich erforscht wird, und man natürliche Erklärungen sucht für Themen, die zuvor den Religionen vorbehalten waren, erst seit da machen wir Fortschritte, sowohl im Wissen, als auch in der Ethik.

Religion als zeitlich und örtlich gebundenes Ereignis

Oh, wenn Du wüsstest, mit welchen Religionen und Philosophien ich mich schon (z.T. aktiv) auseinander gesetzt habe! Ich habe mich tatsächlich mit dem indianischen Glauben beschäftigt, ebenso mit manchen esoterischen Ansichten, habe ein Zeit lang den Weg des Buddhismus beschritten etc. Also mein Weg zu Jesus war kein gerader Weg. Ich habe schon einiges ausprobiert. So einfach ist das mit dem "hier und heute lebst" nicht!

Das ist ja schon mal sehr löblich, aber auch hier hast Du die Auswahl beschränkt, oder hast Du die ägyptischen, griechischen, sumerischen, römischen, nordischen Götter alle in Betracht gezogen? Ich nehme an, nicht, weil Du einfach nicht an sie glaubst – und nicht an sie glauben kannst, weil schon lange niemand mehr an sie glaubt. Das ist der entscheidende Punkt. Du bist immer geprägt und voreingenommen, durch Ort und Zeit in der Du lebst. Sich mit Buddhismus, Esoterik oder Schamanismus zu beschäftigen entspricht genauso dem aktuellen Zeitgeist, wie die Beschäftigung mit dem Christentum. Trotzdem bist Du auch dann von Deiner Herkunft geprägt, wenn Du Dich mit nichtchristlichen Religionen beschäftigst. lebtest Du beispielsweise im Mittelalter, würdest Du nie auf die Idee kommen, dass Jesus eine Art Kommunist gewesen sein soll, der sich für die Schwachen einsetzt, oder der eine Religion der Liebe verkündet hätte. Du würdest den Tag nur mit Gedanken an Deine Sünden verbringen, denn das Christentum war im Mittelalter eine ganz auf Sünden fokussierte Religion. Was Du als «Christentum» kennst, ist das Resultat einer zweitausendjährigen Entwicklung, und einer Zähmung durch Humanismus und Aufklärung. Auch das Christentum ist kein konstanter Wert, sondern dem Zeitgeist unterworfen.

Das Weltbild des Atheismus

Hingegen beim Atheismus: Da ist die Welt ja zufällig entstanden - aus dem Nichts

Beides falsch. Ein Atheist mach keine Aussage darüber, wie die Welt (konkret der Urknall) entstanden ist, denn das wissen wir ganz einfach nicht. Mit dem Urknall fängt der Bereich des momentan Erklärbaren an. Die biologische Evolution war danach eine zwangsläufige Entwicklung, kein Zufall.

Wer sich in die Behauptung flüchtet, in unserem Weltbild sei alles zufällig, der beweist damit nur, dass er sich nie mit Darwin auseinandergesetzt hat! Das grosse Problem ist halt, dass die Wissenschaft, anders als die Religion, vor die Erkenntnis den Schweiss gesetzt hat! Jeder kann jede wissenschaftliche Erkenntnis kritisieren, wenn sie falsch ist gar umstossen, aber erst nachdem er in jahrelangem, mühseligem Studium die Bildung erworben hat, die notwendig ist, um überhaupt mitreden zu können. Viele Christen hingegen meinen, nur weil sie ein paar pseudowissenschaftliche Traktätchen von wissenschaftlich nicht anerkannten Schöpfungsfundamentalisten gelesen hätten, würden sie die Evolutionstheorie verstehen und könnten sie gar widerlegen, und all die seriösen Wissenschaftler, die täglich im Bereich der Evolution Forschung leisten, seien alle dümmer als sie selbst. Welch unglaubliche Anmassung!

weil noch nie jemand experimentell nachweisen konnte, dass etwas aus dem Nichts entsteht

Da irrst Du Dich. Die Teilchenfysik hat da einige sehr lustige Experimente vorzuweisen. Man kann durchaus «aus dem Nichts» Teilchen und ihr Antiteilchen erzeugen.

Trotzdem: Deiner Meinung nach ist «Gott» einfach so gegeben. Ich hingegen sage, dass der «Urknall» da war, woher auch immer. Wenn Du nun «Gott» vor den Urknall setzt hast Du nur das eine unerklärliche durch ein anderes unerklärliches ersetzt und nichts dabei gewonnen! Im Gegenteil: «Gott» ist ein überaus unerklärtes und komplexes Wesen, das einfach so dagewesen sein soll?

Die Frage danach, woher der Urknall kommt ist daher etwas kompliziert, weil Zeit und Raum erst mit dem Urknall entstanden. Die Frage des «davor» kann so nicht gestellt werden.

Aber es gibt m.E. keine Beobachtung dazu, dass "etwas Seiendes" aus dem Nichts oder per Zufall entsteht.

Wenn es einen Gott gibt, ist auch dieser «ein Seiendes» und kann damit nicht die Existenz des Seins erklären. Wenn Du Gott ausserhalb des Seins platzierst, kann es geradesogut (oder viel eher) eine andere Erklärung geben, wie etwas von ausserhalb des Seins das Sein verursacht hat. Dieses andere «etwas» braucht nicht notwendigerweise eine Intelligenz oder eine Planung, sondern kann auch wieder Resultat der Umstände ausserhalb des Seins sein.

Aber hier begeben wir uns so tief in die Spekulation, dass es klüger ist, zuzugeben, dass über das, was vor dem Sein war, (momentan) keine Aussage machen können, und dass alle Theorien demzufolge falsch, weil unüberprüfbar sind – inklusive die Gotteshypothese, welche durch ihre enorme Komplexität und der Tatsache, dass sie nichts erklärt, die unwahrscheinlichste These ist.

Immunisierung vor Kritik

Du hattest geschrieben: "Religion hingegen will sich über Kritik stellen, ja verfolt und verbrennt ihre Kritiker. Religion entwickelt viele Strategien zu Immunisierung gegen Kritik. Einige davon hast Du uns ja bereits demonstriert, z.B, indem Du Gottes Liebe trotz seiner erwiesenen und biblisch überlieferten Grausamkeit weiterhin verteidigst und nicht zur Kenntnis nimmst, was Du nicht hören willst."

An der Stelle hatte ich das (aus zeitlichen Gründen) etwas pauschal formuliert, tut mir Leid. Weiter unten, unter Komplexität, Evolution und Gott habe ich die Vorwürfe sehr viel differenzierter und ausführlich begründet.

Also, ich habe noch keinen Kritiker verbrannt.

Du nicht, aber das war lange Zeit gängige christliche Praxis. Allerdings zu einer Zeit, als das Christentum noch etwas zu sagen hatte. Zum Glück haben wir diese Zeiten überwunden. Aber noch heute morden Christen im Namen ihres Gottes, z.B. Abtreibungsärzte, weil sie den Wert des geborenen Lebens über den Wert eines empfindungslosen Zellhaufens stellen, der vielleicht unter guten Umständen hätte geboren werden können.

Ich habe Deine Kritik hinsichtlich der Grausamkeit Gottes vernommen!

Das freut mich. Gerade hier erlebe ich immer wieder, dass man bösartige Stellen der Bibel einfach ausblendet oder schönredet. In dem Fall trifft dieser Vorwurf in dem Punkt nicht auf Dich zu, und ich ziehe ihn zurück.

Stell' Dir vor, so würde man mit der Wissenschaft umgehen: Nur, weil man einiges nicht versteht, würde man die gesamte Wissenschaft über Bord werfen!

Die Wissenschaft muss erklären. Eine Theorie, die «man nicht versteht» würde nicht akzeptiert werden. Wenn eine Theorie nicht mehr funktioniert, muss sie ersetzt werden. Bei der Religion spielt es keine grosse Rolle, ob die Aussagen mit der Beobachtung übereinstimmen, was nicht passt, wird einfach passend gemacht, wird passend geredet.

Du hattest geschrieben: "Wie kann man nur einen derartigen Blödsinn für bare Münze nehmen?!?"

Ja, und ich habe ausführlich dargelegt, was ich für einen ausgemachten Blödsinn halte, nämlich die biblische Geschichte.

Ich lasse mir das Recht nicht absprechen, Blödsinn als solchen zu bezeichnen. Ich gebe mir aber andererseits sehr Mühe, genau darzulegen, was ich für Blödsinn halte.

Hast Du Dich schonmal mit Legendenbildung und antiken Mythen auseinandergesetzt?

Ja. Daher meine Aussage.

Liebe und Grausamkeit

Bei der Frage nach der Vereinbarkeit von Liebe und Heiligkeit Gottes (Liebe, die vergibt und Heiligkeit, die straft) hatte ich schon betont, dass wir dabei "wahrscheinlich" von einem falschen Liebesverständnis Gottes ausgehen.

Als «Verblendung» und «Immunisierung gegen Kritik» bezeichne ich z.B. wenn Du statt von Grausamkeit von «Heiligkeit» redest, und damit die Grausamkeit meinst, oder von «falschen Liebesverständnis». Das sind Wortspiele, die typisch sind in der Geschichte der christlichen Erklärungsversuche. (Nur schon darum benutze ich gern eine deutliche Sprache, die z.B. solche Umdefinitionen als «Blödsinn» bezeichnet.)

Der Punkt ist eben, dass Dein Gott auch nur ein Produkt seines Zeitgeistes ist. Vor 2000 Jahren waren Todesstrafen üblich und Menschen wurden massenweise hingeschlachtet, ohne dass man das als ungerecht empfand. Ebenso wurden Frauen verachtet und waren Besitztum ihres Mannes, genauso wie Sklavenhaltung in der Bibel völlig normal ist, ja man selbst seine eigene Tochter verkaufen darf.

Heute ist das absolut indiskutabel. Wer auch nur die Hand hebt gegen seine eigenen Kindern, wird dafür verurteilt. Diese Abscheu gegen Gewalt ist aber nicht ein Verdienst der Bibel –, die redet von Liebe und handelt gewalttätig, vermutlich ohne sich dessen bewusst zu sein –, sondern es ist ein Verdienst des Zeitgeistes. Dieser ist ziemlich direkt ein Resultat der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Weiterentwicklung, in erster Linie dank der Gegenreaktion gegen das Christentum in Form von Renaissance, Humanismus und Aufklärung.

Dies erklärt die Tatsache, der Grausamkeit Jahwes und der Bibel sehr plausibel, während Deine Erklärung mir als sehr hilflosen Versuch erscheint, um jeden Preis am Glauben festzuhalten.

Axiome

Uups, wenn ich das Schlagwort "Axiom" benutze, das sich gemäß meines geschriebenen Kontexts wohl recht klar auf die Nr.1 bei der von Dir bei wikipedia gefundenen Erklärung bezieht, dann ist ein "unzulässiges Schlagwort"???

Eben darin liegt der Fehler. Die Axiome der Wissenschaft sind ausschliesslich Axiome des Typs 21) im Sinne eines allgemeinen Naturgesetzes.

Wer aber von vornherein die Möglichkeit einer höheren Intelligenz ausschließt, hat sich im gewissen Sinne für sein Denken ein Axiom geschaffen.

Das tut niemand. Die Möglichkeit einer höheren Intelligenz wird ausgeschlossen, weil es unlogisch ist und keine Erklärung bietet. Es ist kein Axiom, also unabgeleiteter Grundsatz, sondern das Resultat einer langen Folge von Überlegungen und Abwägungen, das pure Gegenteil eines Axioms.

Das Wesen der Naturwissenschaft besteht ja gerade darin, dass sie sich ausschliesslich auf Axiome im Sinne eines allgemeinen Naturgesetzes beruft, das heisst konkret, dass ihre Theorien in Experimenten geprüft werden und standhalten müssen. Alle anderen Grundlagen können jederzeit infrage gestellt werden – im Prinzip auch Axiome im Sinne eines allgemeinen Naturgesetzes, denn wenn jemand nachweist, dass Experimente unter gewissen Umständen nicht die erwarteten Resultate erbringen, fallen die entsprechenden Axiome. Hier gibt es ein schönes Beispiel, als die Quantenmechanik die klassische Mechanik gestürzt hatte.

Thesen

Wie ich schon betont habe: Der Anfang des Universums wird für uns noch lange sehr thesenhaftig bleiben. Alle Thesen, die es diesbezüglich gab, können vorerst nur Thesen bleiben.

Richtig.

Aber: Jede These muss zumindest Fragen klären, die ohne sie nicht erklärbar wären, sonst wäre sie sinnlos. Ausserdem muss sie prinzipiell überprüfbar sein, denn wenn sie nicht überprüfbar wäre, hätte sie keine Relevanz. Und zuletzt darf sie der Beobachtung nicht widersprechen.

Die Gottesthese erklärt nichts, wirft aber viele neue Fragen auf, widerspricht der Beobachtung, und ist u.a. deshalb zu verwerfen.

Wenn man sich z.B. die Diskussion über die Entropie anschaut, dann sind sich Wissenschaftler auch darin nicht ganz einig.

«Entropie» ist wie «Axiome» auch so ein Schlagwort, mit dem Christen immer wieder um sich werfen, ohne zu wissen, wovon sie eigentlich reden. Die Entropie ist ein Begriff aus der Wärmelehre. Sie wird in der statistischen Physik als Mass für das vom System erreichbare Fasenraumvolumen erklärt. Ausserdem bezieht es sich immer auf geschlossene Systeme. Ende des Zaubers. Ausserhalb der Thermodynamik und der statistischen Physik, z.B. in der Biologie, hat die Thermodynamik keine Bedeutung. Auch Shannons Definition bezieht sich nicht auf biologische Systeme.

Oder die Theorie des Urknalls: Solange gibt es diese Theorie noch nicht und selbst diese ist nicht allen Wissenschaftlern "lieb".

Trotzdem hat sie sich durchgesetzt, weil sie die schlüssigste Erklärung für die Beobachtungen liefert, und sie durch Beobachtung bestätigt wird.

Das Gesetz der Entropie, wonach die Materie immer mehr in "Unordnung" fällt.

Falsch. Das ist Entropie nicht.

Philosophisch betrachtet: Der heutige Tag hatte einen Anfang und ein Ende. Und das Gestern ebenso. Etc. Daher kann es keinen unendlichen Zeitraum geben, sondern es muss einen Anfang der Anfänge gegeben haben. Aber wie kam dieser zeitliche Anfang zustande?

Das behauptest Du, weil Du aus Deiner Warte aus vermenschlichst. Wenn Du es so sagst, ist Deine Aussage ein Axiom. Anders beim Urknall: Rechnet man hier zurück, gelangt man zu einem Punkt ohne Zeit und Raum, zum Ursprung der Zeit, als Folge einer Formel, nicht als Axiom.

Diese Überlegungen deuten für mich auf einen intelligenten Verursacher hin.

Warum stellst Du den «intelligenten Verursacher» nicht infrage? Es ist für mich völlig unlogisch, richtig absurd, zu behaupten, dass alles eine Ursache haben müsste, dann aber einen «intelligenten Verursacher» als einfach so gegeben hinzunehmen. Wer oder was hat den «intelligenten Verursacher» verursacht, das ist zwingend die nächste Frage — und sie zeigt, dass Deine vermeintliche Erklärung eben keine Erklärung ist, sondern eine falsche Fährte.

Widersprüchliche Evangelien

Wenn sich die Berichte decken, dann wird behauptet: "Die Schreiber hätten sich abgesprochen, um eine Legende aufzuschreiben!"

Die Evangelien entstanden nacheinander. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die späteren Evangelisten die früheren kannten. Sie haben sich nicht abgesprochen, sondern voneinander abgeschrieben. — Und was ist mit den nichtkanonischen Evangelien?

Wahrheit der Bibel

Die Sache mit den "Fehlern" ist ein weites Feld. Meinst Du Fehler der hebräischen, aramäischen und griechischen Texte?

Da sprichst Du einen grossen wunden Punkt der Bibel an: Ihre Authentizität. Was ist die Originalausgabe? Es gibt nur Abschriften von Abschriften und Übersetzungen von Übersetzungen. Trotzdem gibt es genug Leute, die ihre jeweilige Version der Bibel als das reine Wort Gottes betrachten. Gott hat es offensichtlich versäumt, mittels Checksumme und Signatur der Bibel Authentizität zu verleihen. Warum schreibt, kopiert und übersetzt Gott die Bibel nicht selbst, um Missverständnissen vorzubeugen? Will er, dass wir uns um Bibelinterpretationen streiten?

Dabei ist das Gegenteil der Fall: Ein einziger historischer Fakt, der der Darstellung der Bibel widerspricht, ein einziger Widerspruch in der Bibel widerlegt die gesamte Bibel, oder zumindest ihren Anspruch, eine göttliche Offenbarung zu sein.
Weiß ich nicht. Behauptet "die" Bibel wirklich, dass alles, was in ihr steht, allein von Gott sei?

Das Problem ist ein anderes: Wenn nicht die ganze Bibel Gottes Wort ist, artet das ganze Christentum in Beliebigkeit aus. Anhand von welchem objektiven Kriterium will man dann noch feststellen, was wahr ist in der Bibel und was falsch?!? Für die einen ist es heilige Wahrheit, dass Schwule gesteinigt werden müssen (das habe ich nicht erfunden, das war mal die Reaktion eines Christen auf einen Leserbrief: Alle Atheisten seien schwul, und Schwule müsse man steinigen), für die anderen, dass man alle Menschen lieben muss, während unter historisch-kritischer Analyse zum Resultat gelangt, dass das Liebesgebot sich nicht auf alle Menschen bezog, sondern nur auf die Mitjuden.

Langer Rede kurzer Sinn: Entweder ist die Bibel zu 100% und in allen Punkten Gottes Wort, oder sie ist unbrauchbar, weil jeder sie nach eigenem Gutdünken verwenden kann. Mit der Bibel in der Hand kann man beinahe jede Aussage stützen, vom Völkermord bis zur allseitigen Liebe.

So hinterfrage ich durchaus manches Bibelverständnis und halte die Annahme, dass ALLES in der Bibel so wortwörtlich von Gott gewollt sei, für kritisch und bin da recht vorsichtig.

Warum die Bibel, nicht die Veden? Wie unterscheidest Du zwischen dem, was wortwörtlich von Gott gewollt ist, und dem, was es nicht ist? So wird die Bibel beliebig. Ausserdem kannst du dieselbe Beliebigkeit auf jede andere heilige Schrift anwenden. Du nimmst einfach mal die Bibel, voreingenommen, und suchst Dir das heraus, was Dir passt. Der Rest ist nicht «so wortwörtlich von Gott gewollt». Das könntest Du auch mit den Veden oder Upanischaden tun, und Du würdest bei einer ähnlichen Religion landen: Bei Deiner. Du bist nämlich nicht Christ, sondern Dikoist. Du, diko, suchst Dir Deine Religion aus der Bibel zusammen, und biegst sie Dir so zurecht, dass sie Dir passt.

Prägung

Ein jeder bekennt sich zu der Religion, mit der er als Kind indoktriniert wurde
Meine Eltern waren keine Christen und ich hatte auch keine näheren Verwandten, die Christen waren.

Wie meine Fussnote sagt: «Ausnahmen sind natürlich möglich, aber eben nicht die Regel»

Aber trotzdem Du bist in einer Gesellschaft aufgewachsen, die sich oft als «christlich» bezeichnet (auch wenn sie es längst nicht mehr ist). Darum lernt jeder bei uns von klein auf, dass das Christentum einen anderen Stellenwert haben soll, als andere Religionen. Jedes kleine Kind wird so oder irgendwann mit Kirchen, Kreuzen, biblischer Geschichte oder Religionsunterricht konfrontiert, egal ob man aktiv daran teilnimmt, oder nur sieht, wie andere es tun. Das prägt, entsprechend geht man viel unkritischer an die vermeintlich eigene Religion heran, und nicht mit demselben Abstand, den man z.B. gegenüber dem Islam wahrt.

Ich habe verschiedene Religionen "ausprobiert" und war einige Zeit sogar eine Mischung zwischen Atheist und Agnostiker.

Umso unverständlicher ist mir, dass Du teilweise die christliche Schönrederei und die abstruse Gedankenakrobatik so unkritisch übernimmst. Ich verstehe beim besten Willen nicht, wie man verscheidene Religionen (ernsthaft) ausprobieren kann, dann doch beim Christentum (oder irgend einer anderen konkreten Religion) landet.

Sind Deine Eltern Atheisten?

Nein. Ich wurde als Kind zum Atheisten, weil sich der Aberglaube der Kirche meiner Eltern nicht mit der Welt verträgt, in der ich lebe. Meine ersten Fragen im Alter von 13 Jahren waren:

  • Hat die Wissenschaft recht, mit den Dinosauriern, oder die Kirche mit der Schöpfung? → Was sind die jeweiligen Methoden, wie man auf das Resultat kommt.
  • Wenn Gott als Erklärung für das Sein stehen soll, woher kommt dann Gott? → Die Logik ist ein Schwanzbeisser. Wenn man Gott als gegeben hinnimmt, kann man auch alles andere als gegeben hinnehmen.
  • Die beobachtete Welt gehorcht klaren Gesetzen. Ein göttliches Wirken in der Aufhebung von Naturgesetzen, also Zauberei oder Wunder, habe ich noch nie erlebt (bis heute nicht).

Aber eben, das waren die ersten Ursachen meiner Zweifel. Seither hat sich mein Unglaube ziemlich linear weiterentwickelt. Behafte mich nicht darauf. Viel später erst (10 Jahre später) habe ich angefangen Bücher von Religionskritikern zu lesen und zu meinem Erstaunen festgestellt, dass diese völlig unabhängig von mir zu denselben Überlegungen gekommen sind. Das ist auch eine Stärke vom Atheismus: Jeder, der sich mit Christentum und Religion kritisch auseinandersetzt, kann zu denselben Resultaten gelangen, ohne dass es dazu eine «atheistische Offenbarung» braucht. Von selbst Christ werden kann man nicht, ohne Studium der christlichen Offenbarung.

Hier können allgemeine Diskussionen zum Thema Atheismus stattfinden, die sich nicht direkt auf einen Artikel beziehen. Eine Anmeldung ist erforderlich. Es gelten die Teilnahmebedingungen.

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1) Axiom im Sinne eines allgemeinen Naturgesetzes, und nicht 3, das war weiter oben ein Tippfehler meinerseits
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