Atheismus in der Schweiz
Diskussion

16.09.2006 17:57 - mrw

Hier sind Diskussionen zur Seite «Gott ist im Schläfenlappen» gesammelt.

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Diskussionsbeitrag:

Am 16.09.2006 17:57 schrieb mrw:

Antwort an anonymous

Kulturübergreifende Merkmale

Leider hast Du nicht definiert, was Deiner Meinung nach «kulturübergreifende Merkmale» sein sollen, ich kann nur vermuten, was Du meinst. Daher ist es schwer, Dir darauf zu antworten.

Es gibt auch gewisse kulturübergreifende Merkmale, die allen Affen zu eigen sind. Was beweist das? Es beweist, dass die genetische Basis und Lebensweise einen deutlichen Einfluss auf die Kultur haben. Mit etwas «übernatürlichem» kann man das aber nicht in Verbindung bringen.

Sucht

Zum einen: Tatsache ist, der Schläfenlappen kann stimuliert werden, was mystische Erlebnisse hervorruft. Ich selbst habe sie nicht erlebt, daher kann ich nicht sagen, was ich als Atheist da empfinden würde. In den Presseberichten heisst es, dass ein Atheist diese Erlebnisse nicht mit Gott, sondern vielmehr mit einem Drogenrausch in Verbindung bringen würde, so er denn mit Drogen Erfahrungen gemacht hat. Wie gesagt, da kann ich nicht mitreden. Dies bringt aber den Gläubigen in unmittelbare Nähe zum Drogensüchtigen, was nebenbei bemerkt auch meiner Erfahrung im Umgang mit sehr gläubigen Menschen entspricht: Für diese ist der Glaube wie eine Sucht, und ich kenne nicht wenige, die stolz darauf sind, dank Jesus von den Drogen weggekommen zu sein – sie haben die eine Sucht durch eine andere eingetauscht!

Betrachtet man Glaube als Sucht, so kann man besser verstehen, was hier kulturübergreifend ist. Auch Alkoholsucht ist kulturübergreifend und allen Menschen zu eigen. Ebenso das Suchtverhalten. Aber willst Du hier wirklich von Gott reden?

Werte

Es gibt auch kulturübergreifende Werte, z.B., dass man nicht stehlen oder nicht (oder nur in bestimmten Situationen) töten soll.1) All diese Basiswerte haben eines gemeinsam: Sie sind für das Zusammenleben der Menschen in einer Gesellschaft unbedingt notwendig. Daher müssen sie sich in der Evolution bei einem gesellschaftlichen Tier zwangsläufig entwickeln. Die Tatsache, dass auch Tiere, die in sozial organisierten Gruppen leben, ähnliche Werte und Rituale wie die Menschen entwickelt haben, bestätigt diese Annahme.

Bei jeder Regel und moralischen Wertung sollte man sich meiner Meinung nach die Frage stellen, ob sie zu den solchermassen definierten Basiswerten gehört: Dient diese Regel dazu, das menschliche Zusammenleben zu ermöglichen, oder zu verbessern? Falls ja, ist die Regel einzuhalten, auch wenn dies zum eigenen Nachteil ist. Falls nein, ist die Regel abzulehnen.

Zum Beispiel: Strassenverkehrsregeln sind (weitehend) sinnvoll, den ihr Ziel ist es, Unfälle zu verhindern. Ein Gesetz in Florida, das Sex nur in Missionarsstellung erlaubt, ist hingegen kompletter Unsinn und Resultat von menschenverachtenden, sexualfeindlichen falschen Idealen auf religiös-christlicher Basis. Ebenso abzulehnen ist das Gesetz, dass der Bürgermeister von Weissnichtmehrwo in Mexico erlassen hat, und nacktsein in der eigenen Wohnung verbietet. Selbstverständlich ist zu fordern, dass nacktsein nirgendwo verboten sein soll, denn wem's nicht passt, der hat immer das Recht, woandershin zu starren. Kleine Kinder z.B., die noch nicht von falscher Moral verdorben sind, laufen sehr gern nackt herum, bis dann die Mutter sagt: «Ja schämst Du Dich denn nicht?» Ein jeder soll so herumlaufen, wie es ihm gefällt und wohl dabei ist. Jeglichen Kleidungszwang, sei er nun religiös oder geschäftlich motiviert, lehne ich strikte ab. ;-)

Natürlich gibt es in Wirklichkeit viele Gesetze und Regeln, die in einen Graubereich fallen, aber als Leitlinie scheint mir eine solche Einteilung nützlich. Man kann dieselbe Einteilung auch anders formulieren. War es nicht Voltaire, der sagte, man solle so handeln, dass man sich wünschen könne, das eigene Handeln würde zum allgemeinen Gesetz? Das zielt in dieselbe Richtung.

Auch hier führen nebst Verstand und Verständnis vor allem die Zwangsläufigkeit aus dem menschlichen Leben zu kulturübergreifender Ethik. Mit Religion und Mystik hat das nichts zu tun, eher im Gegenteil: Religion verdirbt die Moral und trübt den Blick für das Wesentliche!

Konstruierte Wirklichkeit

Ja, es ist richtig, dass uns das Hirn oft belügt, ganz besonders was die Erinnerung betrifft. Auch produziert es nebst Schläfenlappenepilepsien viele andere Fänomene, z.B. sogenannte Deja-Vùs. Das heisst, man glaubt, dass man etwas, was man gerade erlebt, bereits früher einmal erlebt oder geträumt habe. Das wiederum habe ich auch schon erlebt, und es bringt einem ganz schön durcheinander, zumal diese vor allem in Ausnahmesituationen vorkommen (bei mir war es z.B. als ich in einem brennenden Auto sass, wo ich mir fast sicher war, dies bereits früher geträumt oder erlebt gehabt zu haben). Zumindest bei mir war es dann aber so, dass jeder Versuch scheiterte, darüber nachzudenken, wann, wie und in welchem genauen Zusammenhang ich das soeben erlebte bereits früher erlebt oder geträumt habe. Eine nachträgliche kritische Ausenandersetzung mit dem Erlebten brachte mich auf den Schluss, dass mir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das Hirn einen Streich gespielt hat. Auf dasselbe Resultat kommen meines Wissens auch entsprechende wissenschaftliche Untersuchungen des Fänomens.

Es wichtig, zu wissen, dass einem das Hirn Streiche spielen kann, es ist wichtig diese zu kennen, und dies zu berücksichtigen. Der Mensch besteht nicht nur aus einem Hirn allein. Seit den alten Griechen gab es immer wieder die Auseinandersetzung unter den Filosofen, ob der Mensch sein Wissen rein auf dem Verstand (sprich Hirn) oder auf den Sinnesorganen (Empirie) aufbauen soll. Meine Antwort darauf ist: Beides! Die Sinnesorgane liefern Informationen über die äussere Welt, die im Hirn verarbeitet werden. Nur in der Kombination ist ein Wissensgewinn möglich. Und ganz wichtig kommt hinzu, dass Sinnesorgane und Hirn selbst ebenfalls untersucht und in ihren Stärken und Schwächen erkannt und beurteilt werden müssen. Nur wenn ich weiss, wie das Gehirn funktioniert, wie es Informationen verarbeitet, und wie es uns auch manchmal täuscht, kann ich den Wert und die Bedeutung des Verstandes bemessen. Darin aber liegt genau der grosse Wert der Hirnforschung. Daher wissen wir auch, dass «Gotteserfahrungen» eigenlich nur eine Täuschung des Hirns sind, und keinen «Hinweis», auf die tatsächliche Existenz eines Gottes.

Benjamin Libet

Benjamin Libet wird eigentlich an anderer Stelle besprochen. Was ich über ihn und seine Forschung weiss, habe ich hauptsächlich aus einer Rezension seines neuesten (und vermutlich letzten) Werks im Spektrum der Wissenschaft, und von den Wikipediaeinträgen.

Von Bedeutung scheint mir, dass er ein Leben lang nach einem Beweis für den Dualismus gesucht hat. Seine Experimente hingegen belegen eher das Gegenteil, so umstritten sie auch sein mögen. Trotzdem war er nicht bereit, seine eigenen Resultate zu akzeptieren.

Aber Deine Formulierung ist meines Wissens grundsätzlich richtig: «Er hat in einem Experiment bewiesen, dass Aktionspotential im Gehirn vorhanden ist, bevor wir uns dessen bewusst werden.»

Es lässt sich zumindest nicht nachweisen, dass es im Hirn so etwas wie eine Trennung von Geist und Materie gibt. Die Resultate lassen tendenziell eher das Gegenteil als Schlussfolgerung zu. Ich stimme mit Dir allerdings überein, dass die Experimente eher fragwürdig sind, und wollte ich mein Weltbild wirklich nur auf diesen Experimenten aufbauen (was ohnehin wegen grober Einseitigkeit unklug wäre), müsste ich zumindest nachlesen, wie genau diese Messungen zustande gekommen sind, und wie zuverlässig sie sind. Wie hat man gemessen, zu welchem Zeitpunkt der Mensch sich einer Handlungsabsicht bewusst ist, und welche Verzögerungszeiten liegen systembedingt in dieser Messung? Man kann natürlich nicht die Hirnströme praktisch verzögerungsfrei elektronisch messen, und andererseits dem Probanden sagen: «drück' einen Knopf, wenn Du Dich entschieden hast», denn bis der Knopf gedrückt wurde, hat sich im Körper viel abgespielt… Aber eben, ich weiss nicht, wie Libet das gelöst hat. Seine Experimente sind mir auch nicht so wichtig, sie sind nur ein kleines Mosaiksteinchen in meinem materialistischen Weltbild.

Du erwähnst das Unterbewusstsein. Meines Wissens verursacht auch das Unterbewusstsein Reaktionen im Gehirn, und steht nicht uasserhalb von diesem. Aber da müsste ich mich im Zweifelsfall noch genauer informieren.

Freier Wille

Das Aktionspotential ist vor der bewussten Entscheidung da. Dies ist zumindest ein starket Hinweis darauf, dass der «freie Wille» eine Illusion sein könnte, zumindest in den Fällen, wo wir nicht lange nachdenken, bevor wir etwas tun. Oder wie Schopenhauer sagte: «Wir können zwar tun, was wir wollen, aber nicht wollen, was wir wollen.» Die Abgrenzung oder Definition von «freiem Willen» ist keine einfache Angelegenheit. Hier macht es sich die semitische Religion zu einfach, indem sie einen unbedingten freien Willen postuliert.

Der sogenannt freie Wille unterliegt zumindest vielen kulturellen, gesellschaftlichen und anerzogenen Einschränkungen. So kommt es ja auch bei Strafverfahren zu sogenannt «mildernden Umständen». Vielleicht sollte man im Strafgesetz aber noch deutlicher die Ziele auseinander halten:

  • Zum einen will man vor Straftaten abschrecken. Hier zielt man klar auf den freien Willen.
  • Zum anderen will man den Täter behandeln, ihn resozialisieren. Hier gesteht man ein, dass der freie Willen seine klaren Grenzen hat.
  • Zum dritten will man die Gesellschaft vor Straftaten schützen. Dies hat nichts mit dem Täter zu tun, wohl aber mit dem Recht der Allgemeinheit auf Sicherheit.
  • Nicht zu vernachlässigen ist auch die Motivation der Rache des Opfers gegenüber dem Täter. Hier geht es darum, dass das menschliche Gerechtigkeitsverständnis (und das von hochentwickelten Tieren) dazu neigt, es anderen heimzuzahlen. Auch diese Motivation hat durchaus ihre Berechtigung, fliesst aber auch in die erste Motivation ein: Man will zeigen, dass Untaten nicht ungesühnt bleiben.

Vor allem Politker neigen dazu, die verschiedenen Motivationen und Ziele miteinander zu vermischen. Für uns aus filosofischer Sicht relevant ist aber die Feststellung, dass die Menschen längst erkannt haben, dass der «freie Wille» sehr zu relativieren ist, auch wenn ihnen ihre Religion etwas anderes vorgaukeln will.

Ich sehe Libets Resultate auch unter diesem Aspekt.

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1) Am Chistentum im speziellen kritisiere ich die falsche Priorisierung, z.B. in den zehn Geboten.
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