Re: Glaube (sara)
Am 10.08.2010 18:40 schrieb sara:
Hallo Datura,
Den "Glauben an eine wissenschaftliche Aussage" und den "Glauben an Gott" kann man sehrwohl mit einander vergleichen.
Ok zugestanden, unglückliches Wort gewählt. Man kann die zwei sehr wohl vergleichen (i.e. Aehnlichkeiten und Unterschiede suchen), hingegen nach einem solchen (genauen) Vergleich realisiert man eben, dass man sie keinesfalls "gleichsetzen" kann, da wirklich zwei grundverschiedene Mechanismen vorliegen. (Ist dies klarer?) Viele religiöse Menschen möchten die zwei "Art und Weisen zu glauben" der Wissenschaft und der Religion um jeden Preis gleichsetzen, weil sie dann Argumente wie "die Wissenschaft ist auch nur eine Art Religion, einfach eine andere" oder "man kann nicht OHNE Glauben leben, jeder glaubt einfach an etwas anderes" für sich beanspruchen können. Aber wer dies tut, ist intellektuell nicht ganz ehrlich und versucht, die Riesenunterschiede, die eben doch bestehen, einfach unter den Teppich zu wischen.. (Aus Bequemlichkeit? Weil sie dann recht hätten? Oder aus tiefgründigem Unverständnis?)
Das stimmt absolut. Und genau dies ist der springende Punkt, der fundamentale Unterschied zwischen Wissenschaft und Religion:
Um etwas "Wissen" zu nennen, muss es (gemäss Plato, mit immer noch weitverbreiteter Gültigkeit) 2 Bedingungen erfüllen: 1) es muss "wahr" sein UND 2) man muss es glauben (z.B. Ich weiss, dass sich die Sonne um die Erde dreht. Ich weiss, dass Penicillin gewisse Bakterien tötet.)
Nun kann man Dinge glauben, die NICHT unbedingt der Wahrheit entsprechen (z.B. Ich glaube, dass es den Weihnachtsmann gibt; ich glaube, dass ein Wichtel mir die Schlüssel versteckt hat), und wenn etwas wahr ist, aber eine Person nicht daran glaubt, kann man dies auch nicht "Wissen" nennen (z.B. Kreationisten glauben NICHT an Darwins Evolutionstheorie, obwohl sie wahr ist). Wissen = Wahrheit, die man glaubt.
Nun, was Menschen als "wahr" erachten und was für Beweise sie als vernünftig und überzeugend genug empfinden, um eine gewisse Aussage als Wahrheit zu akzeptieren und sie deshalb zu "glauben", ist völlig verschieden. Einem 4-jährigen reicht es, wenn der Vater sagt: Es gibt den Weihnachtsmann. Es hinterfragt nichts, glaubt dem Vater, und betrachtet die Existenz des Weihnachtsmanns als erlangtes "Wissen". Einem Erwachsenen reicht es (vielleicht) nicht mehr aus, wenn eine Autorität z.B. sagt "Es gab keinen Holokaust". Man zweifelt Dinge an (vielleicht weil man andere Interpretationen gehört hat oder weil einem irgendetwas unlogisch erscheint), stellt selber Nachforschungen an, findet andere Quellen, die man vielleicht eher als glaubwürdig betrachtet, und stellt sich so ein neues Bild zusammen, dass für einem dann eher "der Wahrheit entspricht".
Irgendwann stösst man an eine Grenze und realisiert dass man NICHTS mit absoluter Sicherheit wissen kann (theoretisch könnte unsere ganze Realität ein Traum, Sinnestäuschung, Matrix sein und wir können weder das eine noch das andere mit Sicherheit beweisen..) und muss deshalb entscheiden, was und wieso man etwas trotzdem als "vernünftig" und "wahr" annimmt und glaubt.
Der Satz "ich erachte X als wahr, weil …" wir von religiösen und von wissenschaftlichen Leuten (aus praktischen Gründen vereinfacht, definitiv zu grob..) grundverschieden vollendet. Aber an dieser Stelle können wir vielleicht einfach ein Experiment machen: Schreib doch 3 Endungen, die deiner Weltanschauung entsprechen, für folgenden Satz:
"Ich glaube, dass es einen christlichen Gott gibt/nicht gibt, weil …"
Falls du an Gott glaubst, warum? Und falls nicht, warum nicht? Dann sehen wir weiter, ob sich unsere Vorstellungen von Wahrheit und Wissen decken oder sich grundsätzlich unterscheiden
Lieb grüsst, s.
PS: Nein, nicht Theologie, definitiv Naturwissenschaften
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Antwort auf diesen Diskussionsbeitrag
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Am 24.08.2010 12:47 schrieb datura: Hallo Sara! Vielen Dank für Deine Antwort!
Wie ich sehe sind wir voll und ganz einer Meinung. Die von Dir erwähnten religiösen Menschen haben ja wirklich recht, wenn sie sagen, dass man nicht OHNE Glauben leben kann. Es ist halt nur die Frage, ob dieser Glaube ein religiöser sein muss. Hier verstehe ich unter einen "religiösen Glauben" eine Aussage oder ein Aussagesystem welches ohne Hinterfragung geglaubt wird und für das es keinen rationalen Grund gibt. |
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