Atheismus in der Schweiz
Diskussion

Wissenschaft, Geld und [Re: ReRe: Glaube] (mrw)

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Diskussionsbeitrag:

Am 31.07.2010 21:12 schrieb mrw:

Am 29.07.2010 23:23 schrieb fredric:
Alles zum großen Teil richtig, aber an dem Punkt vorbei, der für mich interessant ist.

Und Deine Antwort geht an meinem Hauptpunkt vorbei: Es gibt verschiedene Arten von «Glaube», die zum Teils sehr stark vom religiösen Glaube abweichen, die zum Teil ebenso stark von «glauben» im Sinne von «vermuten» abweichen, so dass ich diese Arten von «Glaube» eben nicht als «Glaube» bezeichnen mag.

Aber unabhängig von der Definition des Wortes «Glaube»: Was die Wissenschaft betreibt und was die Religion betreibt ist grundverschieden und kann nicht auf etwas gemeinsames zurückgeführt werden.

Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten basierend auf der eigenen Erfahrung.

… trifft es am ehesten. Vertrauen ist ein zentraler Aspekt des persönlichen Glaubens. … der persönliche Glaube, der einem das Gefühl von Rückhalt gibt.

Das Vertrauen basiert auf der Erfahrung, etwas erreichen zu können. Es ist nicht ein «Glaube», der irgendwo in der Luft hängt, gegeben von einem «heiligen» Buch oder von kirchlichen Dogmen, sondern praktische Lebenserfahrung, reine Empirie, der Versuch einer realistischen Einschätzung der eigenen Fähigkeiten.

Empirische Folgerungen bezeichne ich nicht als «Glaube», auch nicht als «Wahrheit», sondern wenn schon als «sinnvolle Arbeitshypothese».

Wissenschaft

Mach nicht den Fehler zu glauben1), Wissenschaft sei die Suche nach absoluter Wahrheit, denn diese kann der Mensch naturgegeben nicht als solche erkennen. Wissenschaft ist der beste Weg, Fehleinschätzungen zu minimieren. Es ist das beste Mass an Wissen, dass ein Mensch sich aneignen kann. Sie unterliegt aber exakt denselben Einschränkungen, denen wir als Menschen alle unterliegen — aber keiner einzigen Einschränkung mehr! Im Gegensatz zu Religion ist Wissenschaft das Optimum, das wir erreichen können. Die Erfahrungen seit der Wiedereinführung der Wissenschaft in Europa stützen diese Behauptung: Nichts anderes hatte einen vergleichbaren Erfolg.

Das Wissen der Menschheit ist so groß, das ein Wissenschaftler froh sein kann, die wichtigsten Werke aus seinem Fachgebiet zu kennen.

Das spielt überhaupt keine Rolle. Wichtig ist, dass im Prinzip jede einzelne Aussage der Falsifikation unterworfen werden kann und von geeigneten Fachleuten geprüft werden kann, und je nach Wichtigkeit auch geprüft werden wird.

Der Punkt ist, und damit der grosse Unterschied zu Religion: Es spielt überhaupt keine Rolle, aus welchem Kulturkreis ein Wissenschaftler stammt. Es spielt überhaupt keine Rolle, in welcher Zeit ein Wissenschaftler forscht. Er muss immer, wenn seine Theorie richtig ist, auf die gleichen Resultate kommen und aus den Schlussfolgerungen müssen sich wiederum neue Resultate im Voraus vorhersagen lassen.

Ein Hindu kommt zu den gleichen Resultaten, wie ein Christ oder ein Moslem, wenn er seriös Wissenschaft betreibt. Sein persönlicher Glaube definiert allenfalls worin er forscht, wenn er ein schlechter Wissenschaftler ist, definiert sein Glaube vielleicht noch, welche Resultate er akzeptiert, aber er hat keinen Einfluss darauf, welche Resultate er beobachtet. In dem Moment, wo ein Wissenschaftler seine Resultate durch seinen Glauben beeinflusst, überschreitet er die Grenze von der seriösen Wissenschaft zur Pseudowissenschaft und Scharlatanerie.

Wissenschaft ist auf der ganzen Welt gleich. Sie ist nur insofern zeitgebunden, als jede Erkenntnis auf den vorhergehenden aufbaut. Sie ist aber (im Gegensatz zu Religion!) nicht ortsgebunden: In China betreibt man exakt dieselbe Wissenschaft, wie in Frankreich oder in Equador oder in Madagaskar, — völlig unabhängig von der lokalen Kultur, denn Wissenschaft ist weltweit universell. Egal wo man forscht, die Resultate sind austauschbar. Versuche das mal bei Religion! «Glaube» kann das nicht leisten.

Ein Wissenschaftler forscht ohne Vorurteil, er macht Messungen, Beobachtungen und versucht daraus eine allgemeine Regel abzuleiten. Zuerst kommt die Beobachtung, dann erst die Schlussfolgerung. Ein Scharlatan setzt die Schlussfolgerung in Form seiner Glaubenssätze an den Anfang. Ein bekanntes Beispiel für pseudowissenschaftliche Scharlatanerie ist «Intelligent Design», ehemals «Schöpfungslehre»: Diese Pseudowissenschaftler gehen nicht vorurteilslos in die Beobachtung, sondern sie setzen voraus, dass die Welt erschaffen worden sein muss, setzen also ihr christliches Dogma an den Anfang, und mühen sich dann damit ab, einerseits die Evolutionslehre zu widerlegen und andererseits Beweise für ihre Gegentheorie zu suchen. Sie versteifen sich also auf einer bestimmten Grundannahme, nicht weil sich diese aus den Beobachtungen ergibt, sondern weil sie Basis ihres Glaubens ist. Es ist evident, dass da nichts Gescheites dabei herauskommen kann. So mühen sich die Vertreter der «Intelligent Design»-Theorie auch vergebens ab, wissenschaftlich wahrgenommen zu werden. Zu offensichtlich sind ihre Fehler, als dass sie es damit an die biologischen Fakultäten namhafter Universtäten schaffen könnten; und wie ragieren sie? Sie gründen einfach eigene, christliche Pseudouniversitäten, wo sie mit Pseudoprofessuren und Pseudodoktoren Pseudowissenschaft betreiben können.

Dieses Beispiel zeigt ganz klar: Wissenschaft ist kein Glaube, und Wissenschaft steht über dem Glauben und ist mit diesem nicht vereinbar.

Aber die wissenschaftliche Methodik ist kein Dogma, auch sie unterliegt der Falsifizierbarkeit: In dem Moment, wo sie widerlegt werden kann, oder in dem Moment, wo eine bessere Methodik aufgezeigt werden kann, in dem Moment wird sie modifiziert oder fallengelassen.

Auch ist für viele Wissenschaftler der Glauben wichtig, dass eines Tages die Wissenschaft alles erklären kann - Stichwort Weltformel.

Kein vernünftiger Wissenschaftler glaubt, dass die Wissenschaft alles erklären kann. Sie kann viel erklären, immer mehr und immer besser; aber für jede Antwort kommen zehn neue Fragen auf. Selbst die «Weltformel», ein marketingtechnisch hübsch gewählter Name, wird zwar den Mikrokosmos mit dem Makrokosmos versöhnen, vielleicht noch darüber hinaus neue Erkenntnisse liefern, aber nicht beliebig. Es werden auch dann noch viele Fragen offen bleiben.

Als Popper sagte, dass Theorien nur falsifiziert werden können, tat sich die Wissenschaftsgesellschaft sehr schwer damit. Ähnlich mit Gödels Unvollständigkeitssatz.
Warum das alles? (Logische Naturgesetze, Nachprüfbarkeit,etc.) : Sicherheit - es ist das gleiche Bedürfnis nach dem Gefühl Sicherheit, dass die einen an Naturgesetze und die anderen an Gott glaubenßt.

Das mag richtig sein, trotzdem hat man sich damit sich damit abgefunden. Das ist auch richtig so. Die Versuchung ist immer gross, vom Sollen auf das Sein zu schliessen. Aber nur Religion erhebt das Sollen zum Dogma.

Gefühle sind die einzigen Motivatoren für den Menschen.

Korrekt. Aber der Wissenschaftler, wie auch jeder andere Mensch, muss lernen, sein Gefühle zu erkennen und zu kontrollieren. Nicht die Gefühle sollen die Resultate bestimmen, sondern die zwingenden Folgerungen.

Der volkstümliche Glaube an die Wissenschaft ist ganz leicht nachzuweisen: dazu muss man nur eine Waschmittelwerbung mit irgendwelchen tollen (aber unsinnigen) Diagrammen ansehen.

Klar, die Dummen kann man immer bescheissen. Auch Scharlatanerie und Pseudowissenschaft, z.B. «Intelligent Design», lebt vom seriösen Anstrich.

Geld/Gold

… Horten von Gold…

Man glaubt an das Geld, weil man an das Gold - das es stützt - glaubt. Ja und warum ist Gold so teuer und wertbeständig?

Die Erfahrung zeigt: «Gold ist ein beständiger Wert».

Nur darum geht es: Ein jeder geht davon aus, dass jeder andere seine Einschätzung teilt. Das hat nichts mit dem Glauben an Gold zu tun, sondern mit der Psychologie der Menschen. In dem Moment wo Gold einfach herstellbar ist, Stichwort «Stein der Weisen», ist es nichts mehr wert, ausser natürlich der weise Besitzer des Steins nutzt in nur massvoll. :-)

Gold ist technisch bis vor 100 J. zu nichts nutze gewesen.

Gold ist chemisch ein Edelmetall, hat gute Eigenschaften und wäre damit zu sehr viel nützlich, wenn es nur nicht so teuer wäre. Man könnte z.B. wetterbeständige Gartenmöbel daraus fertigen …

Antwort auf diesen Diskussionsbeitrag
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Re: Wissenschaft, Geld und [ Re: ReRe: Glaube ] (fredric)


Am 01.08.2010 22:38 schrieb fredric:

Das Vertrauen basiert auf der Erfahrung,…

Das wird in der Tat der wesentliche Unterschied zum Glauben sein. Gläubige handeln nach ihrem Glauben ohne (bzw. unzureichend) zu prüfen (über Erfahrung oder Fakten in Erfahrung bringen), ob dieser Glaube richtig bzw. vernünftig ist. Stichwort: Sprung in den Glauben. In so fern kann man den Glauben als ungerechtfertigtes Vertrauen bezeichnen. Wenn man von Vertrauen redet handelt es sich aber normalerweise nur um 80% Sicherheit - ein Risiko ist immer da. Und der Übergang ist fließend: Es gibt Mensch, die anderen schon bei der ersten Begegnung vertrauen, weil sie auf ihr Gefühl hören.

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