Atheismus in der Schweiz
Diskussion

Rollenspiel: Wenn ich Gott wäre (mrw)

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Diskussionsbeitrag:

Am 28.10.2008 18:15 schrieb mrw:

In der Diskussion kam hier Re: Torxens Begründung für Gewalt und die von MRW [Re: Die zehn Gebote sind gut] (torx) folgende Frage auf:

Immer wieder höre ich aus deinen Sätzen heraus, dass du es besser gemacht hättest als allmächtiger Gott. Kanst du mir sagen, was du anders gemacht hättest? Und vor allem wie du es gemacht hättest?

Das wird lustig, ein Rollenspiel: Was würde ich tun, wenn ich Gott wäre.

Hierzu muss man erst das Spielfeld abstecken, denn es gibt verschiedene mögliche Situationen, die einzeln und unterschiedlich beantwortet werden müssen:

  • Was würde ich als Gott tun, wenn noch gar keine Schöpfung erfolgt ist?
  • Was würde ich als Gott tun, wenn ich in einer bestimmten biblischen oder historischen Situation wäre?
  • Was würde ich als Gott tun, wenn ich heute plötzlich zum Allmächtigen aufsteigen würde, und die Welt bereits so wäre, wie sie ist?

Zusätzliche Einschränkung soll sein, dass ich nicht allmächtig bin, weil das zu logischen Widersprüchen führen könnte. Ich bin daher hier nur so mächtig, dass ich alles kann, was ich will. Damit vermeide ich den logisch heiklen Begriff der Allmacht.

Vor der Schöpfung

Vor der Erschaffung der Welt und des Lebens stellen sich mir als allmächtiger Gott folgende Fragen:

  • Was genau will ich schaffen?
  • Warum will ich das, was ist meine Motivation?
  • Wie kann ich es optimal umsetzen?

Motivation

Zuerst zur Frage der Motivation, denn die erscheint mir sehr wesentlich. Warum sollte ich als Gott etwas erschaffen wollen, z.B. Menschen? Menschen, die niemals erschaffen wurden, stören sich nicht an diesem Umstand. Der einzige, für den es einen Unterschied macht, bin erst mal ich selbst. Falls ich etwas erschaffe, so erschaffe ich das nur für mich, nur zu meinem eigenen Vergnügen. Vielleicht bin ich ja einsam und brauche das.

Aber es ist mir sehr wichtig, darauf hinzuweisen, dass es nichts niemandem schadet, wenn ich als Gott gar nichts erschaffe. Erst durch den Akt einer Schöpfung kann es sein, dass ich einem anderen Wesen Schaden zufüge. Umso wichtiger ist es, einer allfälligen Schöpfung keinen Schaden zuzufügen.

Da eine Schöpfung eigentlich nur egoistischen Zielen für mich als Gott dienen kann, würde ich vermutlich auf jegliche Schöpfung verzichten. Ob die Schöpfung an sich besser nie geschehen wäre, ist ein Thema, das wir hier sicher nicht abschliessend diskutieren können. Die klügsten Filosofen sollten sich darüber den Kopf zerbrechen. Zumindest aber ist es eine valable Option.

Was soll geschaffen werden?

Menschen halten sich Haustiere. Falls ich als Gott etwas erschaffen will, das weniger mächtig ist, als ich selbst, so wird das für mich eine Art Haustier sein. Wenn ich etwas schaffe, dass mir bei weitem unterlegen ist, dann trage ich eine hohe verantwortung dafür, denn ich bin verantwortlich für alles, was dieses Wesen nicht kann. Entsprechend bin ich verantwortlich, dass es diesem Wesen in jeglicher Hinsicht gut geht. Wenn dieses Wesen zu dumm ist und Fehler begeht, ich kann es grundsätzlich nicht zur Verantwortung ziehen, denn ich hätte es ja klüger machen können.

Ich könnte aber auch Wesen schaffen, die gleich mächtig sind, wie ich. Damit würde ich meine Allmacht freiwillig teilen und im Umgang mit meinen gleichwertigen Kollegen teilen.

Wenn ich Freude an meinem Leben habe, kann ich annehmen, dass gleichwertige Wesen dies ebenso geniessen können. Entsprechend würde ich als allmächtiger Gott nicht ohnmächtige Menschen, sondern mir gleichwertige Wesen erschaffen.

Optimale Umsetzung

Wenn ich gleichwertige Wesen erschaffe, andere Götter, dann fällt mir dies leicht. Als einzige Option, als Notschalter, würde ich mir ermöglichen, dass ich die anderen Götter wieder verschwinden lassen könnte, während sie mir gegenüber diese Möglichkeit nicht hätten. Dies nur für den Fall, dass sich die Erschaffung als Fehler herausstellen sollte.

Falls ich mich dazu entschliessen würde, Menschen zu schaffen, also Wesen, die mir weitaus unterlegen sind, dann wird es schwierig. Ich würde daher sehr wahrscheinlich davon absehen. Wenn schon, dann müsste die Welt so eingerichtet sein, dass es diesen Wesen gut geht, sie keinen Mangel leiden, ihnen kein Leid geschieht, und sie das Leben geniessen können.

Nun habe ich immer noch zum Teil aus menschlicher Sicht argumentiert, indem ich Vorsicht walten liess, für den Fall, dass ich einen Fehler begehe. Aber als allmächtiger Gott habe ich noch eine Möglichkeit, die ich nutzen kann, deren Wirkung wir hier aber nicht simulieren können, weil eben dies mit als Mensch nicht möglich ist: Ich könnte (und würde) meine Allmacht einsetzen, um alle möglichen Probleme vorherzusehen und zu vermeiden. So könnte ich mit göttlicher Garantie etwas, was wir in diesem Rollenspiel nicht einmal ansatzweise können: Eine absolut perfekte und fehlerfreie Welt erschaffen.

Wenn es einen allmächtigen Gott gäbe, und er wollte wirklich etwas erschaffen, so müsste er diese zweite Möglichkeit nutzen. Alles andere wäre verantwortungslos.

Wenn ich heute plötzlich Gott würde

Die Frage, was ich tun würde, wenn ich heute plötzlich zum allmächtigen Gott würde, ist gar nicht so einfach. Auf der einen Seite wäre es die Gelegenheit, das naturalistische Weltbild zu bestätigen, indem ich die Welt Welt sein lasse, und mich zurückziehe. Für alle Atheisten würde sich dann nichts ändern. Die Welt wäre dann noch immer nicht perfekt, ginge aber einfach so weiter, wie bis anhin. Naja, vielleicht würde ich mich vorher noch als allmächtig zu erkennen geben, und den Menschen so ihre Unwissenheit, die sie Religion nennen, durch Wissen ersetzen. Das würde wenigstens die Gewalt und Unterdrückung im Namen von Religion beenden.

Andererseits, wenn ich schon die Gelegenheit hätte, etwas zu verbessern, sollte ich es auch tun. Die Schwierigkeit wird es sein, dabei den Menschen nicht jegliche Selbstverantwortung zu nehmen.

Man könnte einführen:

  • Das ganze Leben ist man bei bester Gesundheit. Es gibt keine Krankheit mehr, weder körperlich, noch geistig, noch seelisch. Stimmungsschwankungen bleiben, das ist menschlich, nehmen aber kein pathologisches Ausmass mehr an.
  • Der Mensch verspürt keinen Hunger mehr. Er kann essen, wenn er will, aus Spass, muss aber nicht.
  • Schmerz nimmt der Mensch nur noch soweit wahr, als es für sein Leben nützlich ist. Jeder Mensch kann sein eigenes Schmerzempfinden selbst regulieren.
  • Wunden heilen sofort, Glieder wachsen nach.
  • Der Mensch altert nicht. Er bleibt bis zum Lebensende so jung, schön und fit, wie mit zwanzig.
  • Menschen, die mit ihrem Aussehen nicht zufrieden sind, können sich ein anderes Aussehen wünschen und erhalten es sofort.
  • Ärzte und andere Berufstätige, die wegen diesen Massnahmen arbeitslos werden, erhalten eine grosszügige Rente, oder ihre Umschulung wird finanziert.
  • Automatische Geburtenkontrolle: Jeder Mensch kriegt im Durchschnitt nicht mehr als ein Kind. Jedes Paar mit Kinderwunsch erhält mindestens zwei Kinder, mehr nur, falls andere Paare verzichten. Die Vergabe erfolgt nach purem Zufall.
  • Für die Carnivoren unter uns: Wenn ein Tier getötet wird, zerfällt es in zwei Teile: Ein Tier, das weiterlebt und ein totes Stück Fleisch für die Nahrung. Dem Tier geschieht kein Leid, es «verliert» einfach Fleisch, ohne Schaden zu nehmen. Auch wenn der Wolf das Schaf reisst, kriegt er sein Fleisch, ohne dass dem Schaf etwas geschieht.
  • Jeder Mensch lebt genau 100 Jahre, dann stirbt er. Dadurch wird die Lebenszeit planbar, man kann mit seinem Leben abschliessen und in Frieden gehen. Niemand mehr stirbt jung. Trotzdem ist die Lebenszeit begrenzt, damit es nicht zu einer Überbevölkerung, oder zu zu grossem Einfluss von einzelnen kommt.

So könnte man die bestehende Welt moderat verbessern. Das Leid wäre besiegt, ebenso der Hunger.

Doch es gibt noch eine viel einfachere und intelligentere Lösung: Wenn es schon ein Leben nach dem Tod und ein Paradies gibt, dann verfrachte ich alle Menschen sofort ins paradiesische Jenseits. Es ist nicht einzusehen, wieso ein Gott das nicht unverzüglich tun sollte.

Bestimmten biblische oder historische Situationen

Bei verschiedenen biblischen und historischen Ereignissen hätte ich anders reagiert, als Gott.

Holz sammeln am Sabbat

Ich hätte zu diesem armen Mann gesagt: «Der arbeitsfreie Sabbat ist mein Geschenk an Euch. Ihr könnt es freiwillig annehmen, oder es bleiben lassen, wie Ihr wollt. Für diejenigen, die am Sabbat nicht arbeiten, werde ich sorgen, dass Ihre ausstehende Arbeit sich von selbst erledigt. Du guter Mann, kehre nach Hause zurück, neben Deinem Haus ist ein Holzvorrat, der ein ganzes Jahr reicht.»

Adam und Eva im Paradies

Wenn es wirklich so enorm wichtig ist, aus einem Grund, den ich nicht erkennen kann, dass Adam und Eva nicht von den Früchten jener zwei Bäume geniessen, dann hätte ich die Bäume erst gar nicht in den Garten gepflanzt. Als allmächtiger Gott, der die Menschen erschaffen hat, wüsste ich ja ganz genau, dass die menschliche Neugierde siegen würde. Wozu also sollte ich die Menschen absichtlich in Versuchung bringen, wo ich genau weiss, dass dies nicht funktioniert?

Viel wahrscheinlicher ist allerdings, dass es gar keinen wichtigen Grund gibt, weshalb die Menschen nicht von den zwei Bäumen geniessen sollten. (Genausowenig, wie es einen Grund gibt, den Menschen so viel weniger Macht zu geben, als ich sie habe. Darum würde ich wenn schon keine Menschen schaffen, sondern mir gleichwertige Götter.) Also würde ich es den Menschen frei stellen, ob sie die Äpfel geniessen wollen oder nicht.

Die Massaker von Ägypten

Diese Situation hatte ich schon mal mit Memorystick diskutiert. Das ist eine Weile her, ich fasse zusammen.

Wenn Gottes Volk sich in Ägypten in einer misslichen Lage befindet, dann sollte sich ein allmächtiger Gott fragen, wie er es hatte so weit kommen lassen. Je früher er dagegen einschreitet, desto sanfter kann die Lösung sein.

Aber angenommen, wir stehen da, «mein» Volk (warum auch immer das «mein» Volk sein soll, als allmächtiger Gott fühle ich mich allen Menschen verpflichtet) ist in ägyptischer Sklavenschaft.

Zuerst einmal würde ich sicher nicht einen sprachgestörten Zauberclown zum Farao schicken, der einen Stab zur Schlange verwandelt, sondern persönlich erscheinen. Wenn ich Moses erscheinen kann, kann ich das auch dem Farao. Und als zweites würde ich nicht sein Herz verstocken, sondern falls nötig öffnen, und schon darf mein Volk ziehen. Wozu bin ich schliesslich allmächtig?!? Ausserdem würde ich die Gelegenheit dazu nutzen, die Sklaverei gleich ganz abzuschaffen.

Krieg in meinem Namen

Wer in meinem Namen Kriege führt, oder Menschen verfolgt, den würde ich sofort mit einem Blitz erschlagen. Hexenverfolgung, Heidenvernichtung, Inquisition, Ketzerverbrennung in meinem Namen gäbe es nicht, wenn ich Gott wäre.

Glaube

Den Glauben würde ich sofort abschaffen. Wozu? Wenn es mich gibt, dürfen die Menschen das wissen. Glaube schafft nur Verunsicherung.

Weiter?

Ihr habt sicher selbst auch noch viele gute Ideen, was ein Gott besser könnte, als die Jammergestalt aus der Bibel. Nur zu! Auch die Christen sind herzlich eingeladen mitzudenken. :-)

Lieber Torx, lieber Memorystick, lieber Jones, u.s.w., gibt es gar nichts, was Ihr besser gemacht hättet? Oder verpasst Ihr Euch hier selbst eine Denksperre, dass Ihr Euch aus Prinzip weigert darüber nachzudenken, ob der biblische Gott alles richtig gemacht hat?

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Suizid [ Re: Rollenspiel: Wenn ich Gott wäre ] (pitsch)


Am 28.10.2008 22:37 schrieb pitsch:

Wenn man davon ausgehen kann, dass ein Gott erstens Allmächtig und zweitens Allwissend ist, wäre ich definitiv gewollt Suizid zu verüben.

Denn, wenn ich Gott wäre, dann würde ich die Vergangenheit, die Gegenwart und selbstverständlich auch die Zukunft kennen. Ich kann ebenfalls alles tun was mir gerade zu mute ist. Gefangen in der unendlichen Langeweile der Allwissenheit - Ich würde das beenden wollen.

ABER: Wenn ich als Gott ja sowiso in jeder möglichen Zeit, also zugleich in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bin, bin ich selbst nicht an die Zeit gebunden - Also könnte ich auch mein Dasein nicht beenden. :-/

Gott sein muss beschissen sein…

mfG pitsch

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Re: Rollenspiel: Wenn ich Gott wäre (angela)


Am 20.09.2010 22:39 schrieb angela:

Es sei denn, das allmächtige Wesen kann die Löcher der Allmacht durch seine Allmacht in anderen Raumzeitgebieten wieder stopfen. Doch damit haben wir wiederum einen temporalen1) Aspekt eingebracht. Die Zeit müsste somit mindestens zweidimensional sein, die Raumzeit nicht vier sondern fünf Dimensionen einnehmen. Wenn wir das Problem in einer zweidimensionalen Zeit lösen können, verlagern wir die ursprüngliche Frage nur in die sechsdimensionale Raumzeit mit einer dreidimensionalen Zeit. Gelöst ist das Problem nicht. Gelöst ist das Problem selbst dann nicht, wenn man den Übergang zur unendlichdimensionalen Zeit geht.

Vielleicht geht es gar nicht um einen Gott sondern um allmächtige allwissende Wesen, die mit ihrer Allmacht und ihrem Allwissen nur sich selbst in ihr Allwissen und ihrer Allmacht wahrnehmen können. So fand ich das Konzept mit den Raumzeitgebieten und der sechsdimensionalen Raumzeit gar nicht mal so verkehrt.

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