Atheismus in der Schweiz
Diskussion

Religionen und [Re: Ist Kultur biologosch determiniert?] (mrw)

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Diskussionsbeitrag:

Am 21.09.2008 11:51 schrieb mrw:

Am 20.09.2008 18:42 schrieb hans:
Eigentlich habe ich nicht gedacht, dass ich einem Anhänger der Evolutionstheorie dieselbige erklären muss.

Brauchst Du auch nicht.

Was Du propagandierst, ist eine Ausweitung der biologischen Evolution auf die Kultur. Das ist nur beschränkt richtig. Bis zu einem gewissen Grad magst Du recht haben. Doch sobald es um reine Vorteile für die Reproduktion hinaus geht, trifft das nicht mehr zu. Und Kultur umfasst nun einmal mehr, als die reine Nahrungsbeschaffung und Reproduktion.

Wenn kulturell akzeptiertes Verhalten zu besseren Gelegenheiten in Bezug auf das andere Geschlecht führt, und das ist sicherlich der Fall, dann hast Du recht damit, die Mechanismen der Evolution auf die Kultur auszuweiten. Wenn gewisse kulturelle Handlungen, wozu auch Technologien gehören, dazu führen, dass das Leben einfacher wird, dann hast Du auch recht damit. Nicht aber, wenn Du darüber hinaus gehst.

Ich würde sagen, dass jede Kultur einen Schatz an Erfahrungen darstellt, der sich in bestimmten Situationen bewährt hat. Das Wissen umfasst Überlebensstrategien, die an die speziellen Bedingungen der aussermenschlichen Umwelt angepasst sind, ferner auch den Komplex an Regeln, mit deren Hilfe der Mensch das zwischenmenschliche Zusammenleben steuert,

Soweit hast Du recht.

und natürlich auch die künstlerischen und religiösen Ausdrucksformen.

Ab hier nicht mehr, es sei denn, diese Ausdrucksformen begünstigen die Partnerwahl.

Dieses Wissen wird von Generation zu Generation vermehrt und verbal wie schriftlich tradiert. So entstand jene kulturelle Vielfalt der Menschheit, wie wir sie heute schätzen, denn über das nützliche hinaus ist in der «kulturellen Evolution» auch die künstlerische-schöpferische Phantasie des Menschen am Werk.

Es entsteht aber keinem Menschen ein Nachteil, wenn er sich aus dem vorhandenen Kulturschatz nach eigenem Ermessen bedient, das annimmt, was ihm gefällt und entspricht, und das beiseite lässt, was ihm nicht gefällt.

Ein Beispiel: Wenn ich Bach nicht mag, dann ignoriere ich ihn halt einfach, und höre mehr andere Musik, z.B. Beethoven, Mozart, oder auch Rachmaninov, Schnittke oder Stockhausen. Auch hindert micht nichts und niemand daran, chinesische Klassik zu mögen und zu hören, genauso wenig, wie Rock oder Metal.

Wir haben einen unermesslichen Kulturschatz zur Verfügung, und wir können uns nach eigenem Gutdünken daraus bedienen. Wir formen unseren Anteil am Weltkulturerbe gemäss unserer Persönlichkeit, oder in Interaktion mit unserer weiterentwickelnden Persönlichkeit. Aber wir sind nicht das wehrlose Opfer unserer Prägungen.

Ich würde sogar behaupten wollen, dass jede Kultur ein Experiment der Anpassung ist.

Oder vielmehr der Vielfalt und des individuellen Ausdrucks.

In jeder Kultur werden verschiedene Strategien des Zusammenlebens und Überlebens erprobt.

Und Kulturen kann man auch mischen. Man kann aus allen Kulturen das nehmen, was man für gut und richtig erachten. Der individuelle Mensch bestimmt seinen Kulturanteil selbst.

Mit jeder Kultur nimmt die adaptive Breite der Menschheit zu und jeder Kulturtod verengt sie.

So ist es.

Trotzdem gibt es auch schlechte Seiten an Kulturen, deren Aussterben zu fördern und nicht zu bedauern ist.

Beschneidungen gehören dazu, Ausgrenzungen, Ungleichbehandlungen, gewaltsame Konfliktlösungen, Intoleranz.

Wenn wir die Scharia abschaffen, ist nichts verloren, sondern viel gewonnen.

Wenn wir den irrationalen Teil des Christentums abschaffen, nämlich den Glauben, dann haben wir nichts verloren, sondern etwas neues gewonnen: Das Christentum kann dann denselben Platz im Kulturerbe einnehmen, wie die griechische Götterwelt: Es ist eine Bereicherung, obschon – oder gerade weil – niemand mehr daran glaubt, niemand mehr deswegen bedrängt wird. Der kulturelle Anteil könnte akzeptiert werden, ohne dass jemand für einen absurden Aberglauben zu missionieren bräuchte, ohne dass man gegenüber Andersdenkenden intolerant sein müsste, ohne dass man glauben müsste, die alleinige Wahrheit zu besitzen.

Ich muss ganz ehrlich sagen, daß ich kein Anhänger einer vereinheitlichen Weltgesellschaft bin; eine Durchmischung aller Rassen betrachte ich eher skeptisch.

Gegen eine Durchmischung habe ich nichts, auch wenn die Unterschiede durchaus zu schätzen sind. Es ist ja auch so, dass die unterschiedlichen Formen menschlichen Lebens auf biologischer Anpassung beruhen. So ist es gut, dass Menschen in Äquatornähe eine andere Hautfarbe haben, als nahe den Polen1).

Aber wenn diese Unterschiede zu Separation in demselben Land führen, zu Diskriminierung, Rassismus und Ausgrenzung, dann sind sie schlecht. Darum bin ich der Meinung, dass Zuwanderer integriert und absorbiert werden sollten, und dass man Parallelgesellschaften unbedingt verhindern muss.

Das was die Juden jahrhundertelang in Europa taten, eine Parallelgesellschaft zu leben, sich auszugrenzen, sich nur untereinander zu verheiraten, das finde ich total daneben. Dabei gebe ich ihnen nur bedingt die Schuld, die Ausgrenzung kam nicht nur von innen, sondern auch von aussen. Aber wären nicht diese dämlichen Religionen als unüberwindbare Trennmauer gewesen, hätte Auschwitz nie stattgefunden.

Wenn die Menschen, auf ihrem eigenen Gebiet, ihre Traditionen und kulturellen Eigentümlichkeiten pflegen und leben können, dann ist sicherlich mehr gewonnen, als wenn man versucht, aus allen Christen oder Atheisten zu machen.

Solange es nicht um Religionen geht, ist das auch gar kein Problem. Ich finde es ganz falsch, was die Franzosen taten: Regionalsprachen zu unterdrücken und Volksbräuche zu bekämpfen.

Das Problem bei den Religionen ist erstens ihre Undurchlässigkeit und ihre Intoleranz. Brauchtum kann man annehmen, pflegen oder ignorieren. Niemand wird ausgegrenzt, weil er Alphorn spielt, im Trachtenverein oder Jodelchor ist. Leider ist das bei Religionen nicht der Fall.

Wenn ein Jodelchor sich als einzig richtigen Jodelchor der Welt betrachten würde, nach weltlicher Macht streben würde, Jodeln zur Pflicht für alle machen wollte, Jodeln als Pflichtfach in Schulen forderte, Nichtjodler als minderwertige Menschen betrachten würde, dann müsste man ihn auch bekämpfen und abschaffen und dürfte ihn nicht tolerieren. Doch genauso verhalten sich Religionen.

Religionen werden erst dann zum wertvollen Kulturgut, wenn niemand mehr daran glaubt, sie folglich keine Macht mehr ausüben können.

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1) Ich meine nicht das Volk in Europa
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