Atheismus in der Schweiz
Diskussion

(Kein) Dienst in Gottes Namen? (gwendolan)

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Diskussionsbeitrag:

Am 13.03.2008 21:57 schrieb gwendolan:

Diesen Beitrag habe ich gerade in meinem Blog veröffentlicht. Ich habe mir gedacht, er könnte euch auch interessieren, insbesondere weil er auch sehr Schweiz-spezifisch ist:

Ich muss vorausschicken: Ich selbst bin ein Gegner der Armee, bin untauglich und muss nicht ins Militär. Dafür muss ich eine Woche pro Jahr mit dem Zivilschutz ins Altersheim und Wehrpflichtersatz blechen. Ich bin also grundsätzlich gegen die Militärdienstpflicht und auch die Wehrpflichtersatzabgabe. Aber wenn schon, dann sollen bitte alle müssen. Nun gibt es – abgesehen von den Frauen – eine weitere Personengruppe, welche unverständlicherweise von solcherlei Pflichten befreit wird: Art. 18 Militärgesetz nennt sagt unter dem Titel „Dienstbefreiung für unentbehrliche Tätigkeiten“:

Absatz 1: Für die Dauer ihres Amtes oder ihrer Anstellung werden von der Militärdienstpflicht befreit:
a. die Mitglieder des Bundesrates, der Bundeskanzler und die Vizekanzler;
b. Geistliche, die nicht der Armeeseelsorge angehören.
etc...

Ja, der Bundesrat – das kann man irgendwie verstehen. Der hätte im Kriegsfall wohl anderes zu tun – aber GEISTLICHE? Hallo? Was soll denn an einem Geistlichen bitteschön unentbehrlich sein? Die sind entbehrlich wie nur etwas! Wo kommen wir denn da hin? Was soll das überhaupt sein… So ein Geistlicher? Ich meine, könnte man da nicht einfach – nein. Leider nicht. Denn die Verordnung über die Militärdienstpflicht präzisiert in Art. 75:

Als Geistliche im Sinne von Artikel 18 Absatz 1 Buchstabe b MG gelten Personen:
a.die protestantische oder evangelisch-freikirchliche, ordinierte oder konsekrierte Theologen sind und durch kirchliche Einsetzung Träger eines geistlichen Amtes sind, das vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund, von einer seiner Mitgliedkirchen oder von einer Mitgliedkirche des Verbandes evangelischer Freikirchen und Gemeinschaften in der Schweiz anerkannt wird; ausgenommen sind die Geistlichen, die ein Lehramt ausüben;
b.die der römisch-katholischen oder der christkatholischen Kirche angehören und die:
1. die Diakonatsweihe empfangen haben und durch kirchliche Einsetzung Träger eines geistlichen Amtes sind, das von einer der römisch-katholischen Diözesen oder von der christkatholischen Kirche anerkannt wird; ausgenommen sind Theologen, die in einem ausserkirchlichen Studium oder in einer ausserkirchlichen Lehrtätigkeit stehen, oder
2. das erste zeitliche oder das ewige Gelübde abgelegt haben und für eine Ordensgemeinschaft tätig sind;
c.die einer christlichen Ordensgemeinschaft oder Kongregation mit gemeinsamem Leben und gemeinsamen Regeln angehören, sobald sie das erste zeitliche Gelübde oder Versprechen abgelegt haben und für die Gemeinschaft tätig sind;
d.die einer fest organisierten Religionsgemeinschaft oder religiösen Körperschaft angehören, sofern:
1. ihnen die Religionsgemeinschaft oder religiöse Körperschaft das Amt eines Geistlichen übertragen hat, sie mindestens 25 Jahre alt sind, eine mindestens dreijährige Ausbildung zum Geistlichen erhalten haben und die Religionsgemeinschaft oder Körperschaft in der Schweiz mindestens 2000 Mitglieder ausweist; für je weitere 800 Mitglieder kann ein zusätzlicher Geistlicher vom Dienst befreit werden, oder
2. sie in einer Gemeinschaft mit gemeinsamem Leben und gemeinsamen Regeln leben, ein Gelübde oder ein Versprechen abgelegt haben und für die Gemeinschaft oder Körperschaft tätig sind.

Was auffällt: Der christliche Glauben wird krass bevorzugt. Jeder andere Glauben fällt nämlich unter litera d, und dort muss der „Geistliche“ mindestens 25 Jahre alt sein. Auch muss man dann 2000 resp. 800 Mitglieder pro Dienstbefreitem Geistlichen haben. Einfach schnell eine Religion erfinden geht also nicht. Allenfalls liesse sich eine Kleinstsekte aber unter lit. d Ziff. 2 subsumieren. Also ginge es eventuell doch… Womit lässt sich die unfaire Ungleichbehandlung von Geistlichen rechtfertigen? Eventuell könnte man ja argumentieren, dass Priester offensichtlich geisteskrank sind – aber das lag ja kaum der Intention des Gesetzgebers zu Grunde. Ich verstehe es nicht – erklärt ihr es mir. Auf alle Fälle sieht man wieder einmal: Mit irrationalem Glauben kann man mehr erreichen, als uns lieb sein dürfte.

Antwort auf diesen Diskussionsbeitrag
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[ Re: (Kein) Dienst in Gottes Namen? ] (mrw)


Am 14.03.2008 09:24 schrieb mrw:

Hey, Gwendolan, Du bist doch angehender Jurist. Willst Du Dich nicht wehren?

Der Militärdienst nur für Männer ist ein Verstoss gegen die verfassungsmässig garantierte Gleichstellung von Mann und Frau! Notfalls müsste man damit nach Strassburg.

Gibt es eine Möglichkeit, mit der Antirassismusstrafnorm oder ähnlichen Normen gegen die Bibel, die Kirchen, Kirchensteuern für juristische Personen, und solche Bevorzugungen vorzugehen?

Die Bibel selbst ist intolerant und rassistisch. Die Kirchen haben unendlich viel Elend und Ungerechtigkeit geschaffen. Noch bestehende Bevorzugungen des Christentums (z.B. die von Dir genannten, aber auch die Kirchensteuern für juristische Personen) sind ein Unrecht gegenüber uns Ungläubigen. Stell Dir vor: Die Freidenkervereinigung der Schweiz zahlt Kirchensteuern!!! Das ist abartig und pervers!

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