Atheismus in der Schweiz
Diskussion

Re: Glaube vs. Atheismus - eine bewusste Entscheidung? (mrw)

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Diskussionsbeitrag:

Am 14.03.2008 13:29 schrieb mrw:

Am 11.03.2008 12:05 schrieb heimleitung:
Zunächst möchte ich mrw meine Bewunderung aussprechen:

Vielen Dank. Zur Abwechslung mal ein Zuspruch, das tut gut. :-)

Ich kann hier auch bestätigt finden, dass es so ist, dass Menschen unabhängig von einander durch ihre Ratio offenbar zu gleichen Schlussfolgerungen kommen können.

Was meiner Ansicht nach das stärkste Argument für Atheismus ist: Nur Wissenschaft und Atheismus sind universell und können unabhängig von Zeit und Ort zu gleichen Resultaten kommen.

Alle Religionen brauchen eine Art von Offenbarung, also irgendeinen Spinner, der vorplappert, was die Gläubigen danach nachplappern. Religionen werden erfunden, Wissenschaft und Atheismus wird gefunden.

Nun zum Thema:
Ich habe in einer Diskussion (leider finde ich die Stelle jetzt nicht wieder)gelesen, dass du, mrw, der Meinung bist, niemand würde sich bewusst dafür oder dagegen entscheiden, zu glauben. Dem möchte ich widersprechen.

Da hast Du mich falsch verstanden.

Meine Aussage in diesem Punkt ist folgende:

Wie oben gesagt:

Entscheid:

    • Der Entscheid für eine Religion erfolgt meistens aufgrund der Kultur, in der jemand aufgewachsen ist.
    • Ich kenne niemanden, der alle Religionen objektiv und mit gleichen Kriterien untersucht und bewertet hat, um sich dann für eine Religion zu entscheiden.
    • Niemand konnte mir gegenüber bisher seine Entscheidung für eine bestimmte Religion, und damit automatisch gegen alle anderen Religionen, rational begründen.
    • Entweder ist Atheismus einfach das Resultat davon, dass man sich nie mit Religion auseinandergesetzt hat.
      • Diese Form von Atheismus ist ein schwacher Atheismus, denn er ist nicht durchdacht.
      • Ein solcher Atheist könnte potentiell wieder zu einem Glauben wechseln, z.B. im Angesicht des Todes oder in einer Notlage.
      • atheismus.ch richtet sich nicht zuletzt auch an diese schwachen Atheisten und gibt ihnen Gründe an, weshalb sie sich richtig entschieden haben, sodass sie auch wissen, warum sie nichts glauben.
    • Normalerweise aber ist Atheismus das Resultat einer eingehenden Beschäftigung mit Religion.
      • Dieser Atheismus ist gut durchdacht und begründet, daher handelt es sich um einen starken Atheismus.
      • Aber: Die Entscheidung zum Atheismus ist nicht wirklich freiwillig, sondern die zwingende logische Schlussfolgerung aus der eingehenden Beschäftigung mit Religion. Das heisst, ab einem gewissen Wissensstand wird es unmöglich zu glauben. Es gibt keine vertretbare Alternative zum Unglauben.
      • Ein solcher Atheist wird seine Überzeugung auch im Angesicht des Todes oder in einer Notlage nicht ändern.
Dass ich nicht an ein irgendwie geartetes "höheres Wesen" glaube, ist das Resultat von Überlegungen und Reflexionen über den Glauben und Religionen, denen man sich in dieser Gesellschaft ja nicht entziehen kann.
Trotzdem ist es meine BEWUSSTE Entscheidung, daran nicht zu glauben, ebenso, wie das Gegenteil eine bewusste Entscheidung dazu ist.

Es ist Deine begründete Entscheidung nicht zu glauben. Du kannst Dich nicht und überlegen, «glaube ich, oder glaube ich nicht», denn die Entscheidung ist längst gefallen, unbewusst, als Du nämlich das Wissen über die Religionen zusammengetragen hattest. In dem Moment, wo das Wissen da ist, iset der Glaube weg. Dies ist nicht eine bewusste Entscheidung, wohl aber eine begründete. Eine bewusste Entscheidung würde voraussetzen, dass Du Dich genausogut für beide Alternativen entscheiden könntest: Den Glauben oder den Unglauben. Aber könntest Du Dich wirklich für den Glauben entscheiden? Ich meine nicht, und zwar darum, weil Du genau weisst, dass er falsch ist.

Umgekehrt ist es meist eine Bauchentscheidung zu glauben. Wenn jemand glaubt, so entscheidet er sich nicht bewusst für einen speziellen Glauben, sondern er wählt den Glauben, auf den er am meisten vorgeprägt wurde.

Gerade, WEIL die Entscheidung, daran zu glauben, nicht aus rationalen Gründen erfolgt, ist sie eine bewusst getroffene; sie ist eben keine zwingend notwendige, logische Schlussfolgerung.

Im Gegensatz zum Unglauben ;-)

Aber: Glaube ist keine bewusste Entscheidung, sondern das Resultat langer Indoktrination und das Resultat der kulturell-/ gesellschaftlichen Beeinflussung. Schon die Kleinkinder werden zum Glauben erzogen. Damit ist die Entscheidung zu glauben nicht frei, geschweige denn die Entscheidung, für welchen Glauben man sich entscheidet, — der Glaube an sich ist in aller Regel bereits vorgegeben. Ein heutiger Schweizer glaubt nicht plötzlich an Zeus. Dies ist aber keine bewusste Entscheidung, sondern das Resultat des kulturellen Umfeldes.

Die ganze Sache liegt nahe bei Schoppenhauer: «Der Mensch kann zwar tun was er will, aber nicht wollen, was er will» — und er kann nicht glauben was er will, sondern nur das, wovon er überzeugt ist. Beim Atheisten ist diese Überzeugung das Resultat einer Denkleistung, beim Gläubigen das Resultat von Gefühlen und Fremdbeeinflussung.

Es sei denn, sie bleibt bestehen, weil man mangels Reflexionsvermögens einfach Traditionen, mit denen man aufgewachsen ist, weiterführt.

Das ist bei Gläubigen die Regel. Allenfalls wechselt man noch gelegentlich die Konfession, die Sekte innerhalb einer Religion, aber eher selten die Religion an sich.

Zu behaupten, ein Glaubender könne quasi nichts dafür, dass er nun einmal glaubt, was er glaubt, entbindet ihn meiner Meinung nach von der Verantwortung.

Sicher nicht. Darum verlange ich von den Gläubigen hier auch immer, ihren Glauben zu begründen, — was sie nicht können.

Dies gilt selbstverständlich für den Atheisten ebenso.

Wir können unsere Position gut begründen, den sie ist wohl durchdacht.

Ein (zugegebenermaßen an den Haaren herbeigezogenes) Alltagsbeispiel:
Jemand kommt zu mir und erzählt mir von einer Herde pinkfarbener, zweiköpfiger Schafe, die er gerade gesehen haben will.
Glaube ich ihm das? Ich wäge nach bestimmten Kriterien den möglichen Wahrheitsgehalt dieser Aussage ab:
"Ist dieser Mensch prinzipiell glaubwürdig? Habe ich von ähnlichen Wesen schon einmal gehört?" oder welche subjektiven Maßstäbe man jeweils anlegen mag, um die Glaubwürdigkeit einer Aussage zu überprüfen.
Ob ich ihm letztendlich GLAUBE oder nicht, ist eine von mir bewusst getroffene Entscheidung nach meinen höchstpersönlichen Maßstäben.

Für mich ist so eine Entscheidung nicht ein einfacher Entscheid «Ja» oder «Nein», sondern vielmehr ein Abwägen von Wahrscheinlichkeiten: Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass es stimmt?

Mein Verhalten, meine Reaktion richte ich danach, als wie wahrscheinlich ich eine solche Aussage beurteile. Würde ich sie als sehr wahrscheinlich korrekt beurteilen, dann würde ich sofort Wissenschaft und Presse informieren. Würde ich sie zumindest als möglich einstufen, würde ich die Schafherde suchen gehen. Würde ich sie als eher unwahrscheinlich klassieren, würde ich kritische Fragen stellen. Würde ich die als sehr unwahrscheinlich klassieren, würde ich höchstens lachen, aber nichts unternehmen.

Das Problem mit Gäubigen ist ja gerade, dass sie die Welt aufteilen in «entweder» «oder», aber so einfach ist die Welt nicht.

Nehmen wir als Beispiel die Bibel: Meine Klassierung lautet: Einige vereinzelte tatsächlich geschehene historische Begebenheiten, wild ausgeschmückt, und sehr einseitig beschönigt, aber der grosse Rest ist frei erfunden. Oder das Leben von Jesus: Die historische Faktenlage ist enorm schwach. Die Wahrscheinlichkeit, dass es einen Sektengründer namens Jesus gegeben hat, beurteile ich mit 10%, während ich zu 90% davon ausgehe, dass der historische Jesus frei erfunden ist. In jedem Fall aber stimmt die Überlieferung sicherlich nicht mit den historischen Tatsachen überein. Andererseits klassiere ich die Wahrscheinlichkeit, dass Jesus gelebt hat und Gottes Sohn war, mit Null.

Es gibt natürlich auch (mindestens) eine dritte Möglichkeit, nämlich die, dass ich mir die Mühe, dies zu überprüfen, gar nicht mache, weil die Existenz oder Nichtexistenz solcher Schafe keinerlei Relevanz für mein Leben hätte.

So ist es.

Das ist beim Glauben an ein "Höheres Wesen" allerdings schon wieder ganz anders. Wenn die Mehrheit meiner Mitmenschen an dieses glaubt, sich nach dessen vermeintlichen Regeln richtet und auch mich danach beurteilt, hat es sehr wohl Einfluss auf mein persönliches Leben wie auch auf die gesamte Gesellschaft, in der ich lebe.

Sonst wäre atheismus.ch nicht notwendig.

Von daher kann es mir nicht egal sein, von einer Horde Besessener umgeben zu sein.

Oh ja.

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