Atheismus in der Schweiz
Diskussion

"Entwicklungshilfe" (-> Morgenstern) (mrw)

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Diskussionsbeitrag:

Am 06.06.2005 14:33 schrieb mrw:

Das Thema "Entwicklungshilfe" interessiert mich. Ich stehe der Entwicklungshilfe immer skeptisch gegenüber. Grund: Es wird von aussen in ein System eingegriffen mit dem Ziel, dieses im Sinne des Eingreiffenden zu verändern. Offizielles Motiv des Eingreiffenden ist in der Regel, "um zu helfen". Nur, ob diese Hilfe eine echte Hilfe ist, oder die Situation nur verschlimmert, das halte ich für sehr fraglich.

Ohne fundierte Kenntnisse der Entwicklungshilfe, kann ich nur versuchen, aufgrund von dem, was über Medienberichte und Reportagen durchsickert Rückschlüsse auf die Situation zu ziehen. Nun haben wir im Forum aber mit Morgenstern offenbar einen Kenner der Materie. Ich bitte Dich, Morgenstern, daher darum, hier Deine Erfahrungen und Kenntnisse mit uns zu teilen.

Was ich aus den Medien so gehört habe, sind folgende Fälle fehlgeleiteter "Entwicklungshilfen":

Pygmnäen

In Afrika, wenn ich mich recht erinnere war es im Kongo, lebt im Urwald ein Pygmäenstamm, ein kleinwüchsiges Urvolk, dass sich dem Lebensraum im Urwald angepasst hat. Nun kommen Firmen, die den Urwald abholzen und die Pygmäen vertreiben. Die beste und sinnvollste Entwicklungshilfe hier wäre es, dieses Tun abzuklemmen, oder wenigsten den Urwald zu kaufen, und ihn den Pygmäen zu schenken, sodass sie ihr gewohntes Leben ungestört fortsetzen können. Für so ein Projekt wäre ich auch bereit zu spenden. Was aber tun die sogenannten "Entwicklungshelfer" stattdessen? Sie bauen Siedlungen (mit Kirchen), und siedeln die Pygmäen ausserhalb ihres Lebensraums an. Da diese ausserhalb ihrer gewohnten Umgebung öfters krank werden, baut man für sie Spitäler, die sie im Urwald nie gebraucht hätten. Tolle Leistung, echt! Da sollte man lieber gar nichts tun, als solchen Unsinn zu fabrizieren, und mit Infrastrukturen die Vertreibungen noch zu untermauern!

Kindersterblichkeit

Ein anderes Beispiel fehl geleiteter Entwicklungshilfe ist die Fokusierung auf irgendwelche Teilaspekte, z.B. die Kindersterblichkeit, und das Vergessen aller anderen damit direkt verbundener Auswirkungen. Man will z.B. um jeden Preis die Kindersterblichkeit reduzieren. Ein löbliches Unterfangen? Von wegen! Mit sinnlosen Impfkampagnen versucht man, den Seuchen Herr zu werden, anstatt die Seuchen an der Quelle anzugehen: Mangelnde Ernährung und schmutziges Trinkwasser sind die Hauptursachen von Seuchen. Würde man investieren in eine funktionierende Kanalisation, Trinkwasserversorgung und ausreichende Ernährung aus eigener Kraft, könnte man sich teure Impfkampagnen sparen, an denen haupsächliche internationale Farmamultis profitieren. Aber statt auf Nachhaltigkeit setzt man lieber auf kurzfristige Scheinerfolge. Wenn man es dann mit dem Bau neuer Spitäler (auch eine Investition, die sich weniger lohnt, als für ausreichende und saubere Ernährung zu sorgen), Lebensmittellieferungen aus dem Ausland (eine wunderbare Methode, die einheimischen Bauern in den Ruin zu treiben) und Impfkampagnen tatsächlich geschafft hat, die Kindersterblichkeit zu reduzieren, sind die Folgen davon Überbevölkerung und Hungersnöte. Die Bevölkerung wird nämlich weiterhin zehn und mehr Kinder pro Familie zeugen, wie das schon immer Brauch war, nur mit dem Unterschied, dass nun statt nur eines davon fünf oder sechs Kinder überleben, die nun aber alle ein Leben lang Ressourcen verbrauchen und ernährt sein wollen.

Eine alternative, wesentlich sinnvollere Hilfe wäre folgendes Vorgehen:

  • Man sorgt für eine vernünftige Familienplanung mit dem Ziel, Überbevölkerung zu vermeiden, oder wo schon bestehend, wieder abzubauen.
  • Man sorgt für ein Rentensystem, sodass auch Eltern ohne lebende Kinder im Alter abgesichert sind (oft sind die Kinder nämlich die AHV, die Altersversorgung).
  • Man bringt den Menschen bei, wie sie durch sinvollen Ackerbau und Bewirtschaftung aus eigener Kraft genug Lebensmittel für die eigene Bevölkerung anbauen können, ohne dabei auf Gentech oder Kunstdünger aus dem Ausland angewiesen zu sein.
  • Man zeigt, wie sie mit den einfachen, ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln eine funktionierende Wasserversorgung, Kanalisation und Müllentsorgung betreiben können, ohne auf teure Apparate aus dem Auslang angewiesen zu sein.
  • Die Bevölkerung wird unterrichtet, dabei liegen Schwerpunkte in der allgemeinen Schulbildung für alle, darüber hinaus in Hygiene (zur Krankheitsbekämpfung, statt einfach nur Spitäler zu bauen), und sehr wichtig, in der eigenen Kultur und Geschichte. Nur eine Identifikation mit der eigenen Herkunft mobilisiert die Energie, die notwendig ist, ein Land aus der Misere zu ziehen.
  • Gerade in konfliktträchtigen Gegenden ist es von besonderer Wichtigkeit, die Religionen und Ethnien in den Hintergrund zu drängen, und das gemeinsame zu betonen, ohne dabei (nicht diskriminierende) Traditionen aufzugeben.
  • Man stärkt allgemein die Binnenwirtschaft und senkt die Priorität der Exportwirtschaft massiv nach unten. Exportiert werden dürfen nur noch Überschüsse, nachdem die eigene Bevölkerung genug gegessen hat. Ansonsten macht man die Grenzen so dicht wie möglich und erhebt massive Zölle auf Importe, um die eigene Wirtschaft zu schützen.
  • Erst wenn das zarte Wirtschafts-Pflänzchen im eigenen Land gewachsen ist, öffnet man vorsichtig und langsam die Grenzen wieder.

Altkleidersammlung

Ein weiterer kompletter Unsinn: Die Altkleidersammlung! Man sammelt alte Kleider in reichen Ländern, frachtet die irgendwohin in Afrika und zerstört damit den lokalen Textilmarkt. Wer kauft schon im eigenen Land teuer produzierte Kleidungsstücke, wenn man fast gratis Markenprodukte aus dem Müll der Industrienationen haben kann. So wird die lokale Wirtschaft weiter geschwächt und die Abhängigkeit zementiert. Die einzigen Gewinner sind die Altkleiderdealer, die es in der Folge auch geben soll.

Organisationen

Bei all den Problemen, ist die Missionierung nur ein weiteres Problem, das noch gar nicht zur Sprache kam, und worüber ich auch zuwenig weiss. Mich würde daher interessieren, was ist z.B. von den folgenden Organisationen zu halten, wie nachhaltig ist ihre Hilfe, sorgen sie für neue Abhängigkeiten, missbrauchen sie ihre Macht für Missionierungen?

  • Max Havelaar
  • World Vision
  • Caritas
  • Heks
  • Brot für Brüder (oder Zeitgeistgemässer: die Welt)

Die Christoffel Blindenmission (CBM) wird ja unten bereits als negatives Beispiel genannt.

Morgenstern: Kennst Du diese Organisationen genauer, kannst Du etwas über sie sagen?

Gibt es auch sinvolle Organisationen, denen ein verantwortungsbewusster Mensch und Atheist bedenkenlos Geld spenden kann? Bisher sind das für mich nur die Greenpeace und der WWF, weil sich diese Organisationen auf den Erhalt unserer aller Lebensgrundlagen spezialisiert haben. Dabei kann man zwar mal über's Ziel hinausschiessen, viel falsch machen kann man aber nicht.

Von früher:

Morgenstern, der offenbar ein guter Kenner der Materie ist, schrieb:

Am 2005-04-14 17:06:39 schrieb morgenster:

Ich arbeite in einer konfessionell unabhängigen
NGO, die auf vier Kontinenten
Entwicklungszusammenarbeit (oder
"Entwicklungshilfe", wie man das früher nannte)
betreibt. Im Rahmen meiner Arbeit konnte ich vor
allem in Bangladesh und Indien viel davon
erfahren, wie kirchliche NGOs
"Entwicklungsarbeit" verstehen.

Ein Beispiel, ein Dorf in Bangladesh, ca 20
südlich von Bogra. Extrem arm, niemand hat
eigenen Boden, die Menschen werden von den
eigenen Landsleuten unterdrückt, Hunger und
Elend allenthalben. Alle sind Hindus, schon
deshalb haben sie es nicht leicht im islamisch
orientierten Bangladesh. Vor etwa zehn Jahren
kamen islamische Missionare an, bekehrten die
Dorfbewohner zum Islam, versprachen ihnen, ihr
Leben werde besser, nachdem sie zum wahren
Glauben gefunden haben. Wie man das in solchen
Ländern handhabt, wurden die "heiligen Männer"
natürlich fürstlich bewirtet, lebten für
bengalische Verhältnisse wie die Könige.
Nachdem alle Männer des Dorfes beschnitten
waren, haben sich die islamischen Missionare
verpisst und sich nie mehr blicken lassen - das
Dorf war arm wie eh und je. In der Folge fühlten
sich zwei christliche Missionsgruppen (die ersten
waren 7-Tags-Adventisten, die zweiten ein Haufen
Katholen) verpflichtet, das Dorf zu konvertieren.
Beide Gruppen tauften die Leute gemäss ihren
Vorstellungen, lebten ebenfalls ganz gut auf
Kosten des Dorfes, liessen Kirchen bauen,
erklärten den Leuten was richtig und was falsch
ist, lösten noch fast einen Religionskrieg
innerhalb des Dorfes aus und hauten ab, sobald
die Quote an neuen Schäfchen erfüllt war. Das
Dorf war danach so arm wie eh und je - ah stop,
nein, rein bevölkerungsmässig hat das Dorf
zugelegt, weil der eine Missionar seine Gene
hinterliess.

Zeitsprung - vor drei Jahren. Meine Organisation
kam hin und es dauerte geschlagene acht Monate,
bis uns die Bewohner des Dorfes glaubten, dass
wir ihnen nicht bloss eine neue Religion
anhängen, sondern ihnen tatsächlich helfen
wollen. Ein Kollege hat mir erzählt, dass sie
bei der ersten Kontaktnahme mit Stöcken und
Steinen aus dem Dorf gejagt wurden - derart die
Schnauze voll hatten die Leute von "Hilfe".

Erneuter Zeitsprung - heute. Das Dorf ist
geschlossen wieder zum Hinduismus
zurückkonvertiert, hat wieder eine Kultur und
Identität und es geht ihnen wirtschaftlich,
gesundheitlich und gesellschaftlich besser als je
zuvor. Nicht, dass ich nun den Hinduismus als eine
"gute" Religion im Gegensatz zum Christentum sehen
würde, aber es freut mich schon, zu sehen, dass
die ganzen missionarischen Anstrengungen für die
Katze gewesen und die Dorfbewohner nun halt
beschnittene und doppelt getaufte Hindus sind.

Den Effekt, dass Entwicklungshilfe primär dann
funktioniert, wenn nicht kirchliche
Organisationen dahinterstehen, kannst du
übrigens auf der ganzen Welt beobachten.
Kirchliche NGOs sind primär an der "Rettung von
Leben" interessiert, eine Verbesserung der
Zukunftsperspektiven ist höchstens zweitrangig.
Ein ganz besonders übles Beispiel ist die
Haltung der RKK (bzw deren missionarischen
Ablegern in Schwellenländern) gegenüber dem
Kondom als Mittel zur AIDS-Prävention: Sie
pflegen zwar die todgeweihten AIDS-Kranken,
taufen sie vielleicht noch auf dem Sterbebett,
verbieten aber gleichzeitig den Gebrauch von
wirksamen Verhütungsmitteln. Kontrollierter und
staatlich unterstützter Genozid ist das für
mich, nichts anderes.

Ein anderes Beispiel, die Christoffel
Blindenmission
(www.christoffel-blindenmission.de).
Grundsätzlich eine gute Sache, man bildet
Augenärzte aus, heilt arme Leute von
Augenkrankheiten, wundersuper. Gott oder Jesus
tauchen, auch auf der Homepage, nicht auf, also
eine Sache, bei der man auch als
AtheistIn/AgnostikerIn/FreidenkerIn bedenkenlos
Geld spenden kann - oder?

Nicht ganz. Schauen wir mal in der "Theologischen
Grundlegung" nach, steht da klar und deutlich:
"Der Verein führt das Werk von Pastor Ernst J.
Christoffel fort, der 1908 im Orient die
missionsdiakonische Arbeit für Blinde, anders
Behinderte, Kranke und Notleidende begann. Er
versteht sich als eine Dienstgemeinschaft von
Christen verschiedener Glaubensprägung, die in
der Nachfolge Jesu Christi die Botschaft von der
Liebe Gottes in Wort und Tat verkündigen."

Hoppla. Aber im nächsten Absatz werden sie noch
deutlicher: "Re: Der Verein verfolgt den Zweck,
Behinderten und Hilfsbedürftigen, insbesondere
Blinden und Augenkranken, ohne Ansehen des
Glaubens, der Rasse, des Geschlechts oder der
Nationalität christliche Liebe zu erweisen und
zur Ausbreitung des Evangeliums beizutragen."
Aha, daher weht der Wind also. Die ganze
Augenheilerei ist eigentlich nur Nebengeschäft,
praktisch zur Spendengewinnung und zur
Imagepflege, aber eigentlich gehts darum, den
"armen Negerli" den Jesus einzutreiben. Gerade im
Zusammenhang mit Augenkrankheiten ist Mission
etwas ganz Hinterhältiges: Wenn ich seit 30
Jahren blind in der Gosse von Dhaka lebte und
mich eines Tages jemand heilen würde, dieser
Jemand vom "Licht das in die Welt kommt" sprechen
und mich nur wenig beeinflussen würde -
wahrscheinlich würde ich die Religion dieses
Jemands so schnell annehmen, wie ich könnte -
aus Dankbarkeit oder blossem Staunen über die
magischen Fähigkeiten des Gottes dieses Jemands.

Meiner Meinung nach Etikettenschwindel pur. Und
die CBM ist hier bloss ein Beispiel von vielen -
noch nicht mal das übelste.

Ein Hauptgrund, warum es primär kirchliche NGOs
sind, die in Entwicklungs- und Schwellenländern
Hilfe leisten, ist die simple Tatsache, dass
nicht-kirchliche NGOs von staatlicher Seite
weniger unterstützt werden. Dem Staat ist es
lieber, Geld in kirchliche Organisationen zu
buttern, bei denen er "ungefähr weiss, woran er
ist", als dieses Geld nicht-kirchlichen
Organisationen zur Verfügung zu stellen. Dass
dieses "wissen, woran man ist" meistens auf
Fehleinschätzungen und liebgewonnenen
Traditionen (aka Seilschaften) beruht, sei hier
nur am Rande bemerkt. Und zum Glück findet hier
langsam aber sicher ein Umdenken statt.

Was ich an kirchlichen NGOs am meisten kritisiere,
ist ihre verdammte Kurzsichtigkeit (die CBM ist
hier noch eine löbliche Ausnahme). Es reicht nun
mal nicht, dem Hungernden ein Stück Brot zwischen
die Zahnreihen zu schieben, im Gegenteil, damit
schwächt man sogar noch die Gesellschaft als
Ganzes. Der afrikanische Kontinent ist ein gutes
Beispiel dafür, wie Missionen ganze Regionen in
die Abhängigkeit von ihnen getrieben haben.
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Re: "Entwicklungshilfe" (-> Morgenstern) (morgenstern)


Am 07.06.2005 18:03 schrieb morgenstern:

Hi mrw…

Ich brauch noch ein bisschen Zeit für meine (etwas länger ausfallende) Antwort. Geduld, ich hab dich nicht vergessen. :)

morgenstern

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Re: "Entwicklungshilfe" (-> Morgenstern) (morgenstern)


Am 21.02.2006 21:50 schrieb morgenstern:

(Dies ist die wohl unverschämteste Form der Wiederbelebung eines Uralt-Threads aller Zeiten. Sorry, normalerweise muss man nicht fast ein Jahr auf eine Antwort von mir warten. Gab viele Sachen, die ich vorher noch erledigen musste, RL hat halt einfach Priorität vor allem anderen. Aber zumindest denk ich noch dran und liefere ab - wenn auch mit Verzögerung. :) )

Salut mrw!

Leider muss ich dich gleich zu Beginn enttäuschen - der absolute Fachmann für EZA (Entwicklungszusammenarbeit, zu dem Begriff später mehr) bin ich leider nicht. Bin ja nur der Compi-Henä in einer dementsprechend tätigen Organisation und habe mit unserer Arbeit an "der Front" wenig zu tun. Nach wie vor ist das EZA-Umfeld eher agronomisch geprägt; mit LDAP-Bäumen versteh ich mich gut, mit realen Bäumen halt so schlecht, wie man es von einem Stadtkind erwartet.

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