Atheismus in der Schweiz
Diskussion

Re: Re: "Entwicklungshilfe" (-> Morgenstern) (mrw)

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Diskussionsbeitrag:

Am 26.02.2006 12:01 schrieb mrw:

Am 2006-02-21 21:50:59 schrieb morgenstern:
(Dies ist die wohl unverschämteste Form der Wiederbelebung eines Uralt-Threads aller Zeiten.)

Nein, im Gegenteil, vielen herzlichen Dank, darauf habe ich schon lange gewartet!

Vielen Dank für die ausführlichen Erklärungen.

Man (Du oder ich oder zusammen…) sollte aus diesem Material mal einen Artikel schreiben zum Thema Entwicklungs-/Not-/-hilfe/-zusammenarbeit, was meinst Du, hättest Du Lust?

Ein gutes Beispiel dafür ist die Tsunami-Katastrophe

Und gerade da zeigen sich wieder die negativen Auswirkungen der humanitären Hilfe, auch wenn — oder gerade weil — die Spendebereitschaft und die Anteilnahme sehr hoch waren. Auch ich hatte mir damals viele Gedanken gemacht, wie ich sinnvoll helfen kann, bzw. wohin ich sinvollerweise spenden soll.

Humanitäre Hilfe halte ich nur dann für gerechtfertigt, wenn ein Unglück geschieht, für das niemand etwas kann. Denn sonst müsste man die Ursache (meist den Krieg) beseitigen, sonst sit humanitäre Hilfe kontraproduktiv. Wenn ein Staat weiterhin Krieg führen kann, da sein Volk mit humanitärer Hilfe ruhig gestellt wird, ist das schlechter, als wenn das Volk soviel leiden muss, dass es den Staatschef stürzt und den Krieg beendet!

Dass aus solchen Zusammenarbeiten auch wirtschaftlich erfolgreiche Projekte entstehen können (Beispiel Max Havelaar) ist sozusagen die Krönung der EZA.

Kann ich das so verstehen, dass ich mit gutem Gewissen weiterhin Max Havelaar Produke kaufen kann? Mir gefiel das Modell nämlich auch, statt zu spenden lieber faire(re) Preise zu zahlen. Leider ist Max Havelaar hier der einzige Anbieter, wodurch ich befürchte, dass mit der Zeit die Produzenten von Max Havelaar abhängig werden könnten…?

3. Effizienter und verantwortlicher Öffentlicher Sektor

Da bin ich ganz dieser Meinung. In erster Linie ist der eigene Staat für das Wohl seiner Bürger verantwortlich. Wenn der Staat nicht mitspielt, ist alle Hilfe ohnehin für die Katz. Was nützt es, ein Land aufzubauen, wenn danach ein egozentrischer Präsident in den Krieg zieht und alles wieder kaputt geht?

Auch die übrigen Punkte kann ich nur unterschreiben!

Im Grunde genommen könnte man sämtliche NGOs unterstützen, die diese Grundpfeiler in ihrer Arbeit umsetzen. Oft allerdings bleiben diese Grundpfeiler blosse Lippenbekenntnisse und können - ideologisch gefärbt - dem Ursprungsgedanken zuwiderlaufen.

Kannst Du Namen nennen? Bei welchen Organisationen sind das Lippenbekenntnisse, und welche halten sich wirklich daran?

Noch was zum Thema Geldspende. Grundsätzlich stehe ich dem ja eher kritisch gegenüber. Erstens haben Geldspenden für mich immer so einen Ablass-Charakter (das ist mein persönliches Problem und muss dich nicht betreffen), zweitens ist Geld selten das Hauptproblem.

Na ja, da muss ich widersprechen. Ich habe meine Arbeit, mit der ich genug Geld verdiene, dass ich auch anderen etwas davon abgeben könnte, wenn ich nur sicher sein kann, dass es vernünftig eingesetzt wird! Es macht absolut keinen Sinn, dass ich meine Arbeit aufgebe, um irgendo etwas anderes zu tun, was ich ohnehin nicht gut genug kann. Meine Freizeit wende ich u.a. für diese Seite auf, natürlich auch in der Hoffnung, die Welt ein klein wenig zu verbessern, aber Zeit ist halt ein sehr limitierter Faktor. Nicht jeder kann vor Ort helfen. Aber diejengen, die vor Ort helfen können, wollen auch leben und müssen auch bezahlt sein, also sind Geldspenden sinnvoll eingesetzt durchaus eine gute Sache.

Ich denke, jedeR so, wie er/sie es mit sich vereinbaren kann, aber wenn schon Geldspenden, dann gehen sie bei mir nur an einheimische Organisationen.

Da bin ich nur bedingt einverstanden. Die Schweiz hat ein sehr gutes soziales Netz. Nie im Leben würde ich einem Bettler oder Strassenmusikanten in der Schweiz Geld geben (mit Ausnahme des Musikannten, der wirklich gut spielt und es wegen seiner Leistug verdient, aber nicht aus Mitleid), denn wer in der Schweiz arm ist, dem wird geholfen und zwar von staatlicher Seite. Und das finde ich besonders wichtig: Hilfe muss vom Staat kommen, nicht von NGOs, schon gar nicht von Kirchen. So ist garantiert, dass sie weltanschauungsneutral und gerecht verteilt wird. Ausserdem ist der Staat kein Wirtschaftsunternehmen, das eigenen Interessen verfolgt.

Andererseits, wenn es wirklich um punktuelle Interessen geht, ist es selbstverständlich sinnvoll, entsprechende Vereine zu unterstützen, z.B. WWF und Greenpeace für den Erhalt unserer Umwelt, die Freidenker Vereinigung der Schweiz für den Erhalt unserer Religionsfreiheit, die Bürgerprotestorganisationen im Osten und Süden von Kloten für den Schutz unserer Ruhe, u.s.w. (das war jetzt meine Schleichwerbung).

Eher kritisch stehe ich Ein-Themen-Projekten im Ausland gegenüber.

Eines wüsste ich, das man machen sollte. Die Sache mit den Pygmäen hat mich darau gebracht:

Urwald kaufen und den einheimischen Naturvölkern schenken, sodass sie nie mehr von Firmen oder von angrenzenden, sogenannt zivilisierten Stämmen, die den Urwald roden wollen aus ihrer Heimat vertrieben werden können, und so leben können, wie sie sich das gewohnt sind, ohne Einfluss von aussen. Das Gebiet könnte man noch zum Privateigentum erklären, und Missionaren u.ä. den Zutritt verbieten.

Das wäre doch eine gute und nachhaltige Sache. Gibt es so etwas?

Falls du internationale und/oder international tätige NGOs unterstützen möchtest: Amnesty International, das Rote Kreuz, die Caritas, Greenpeace und der WWF sind mir persönlich sympathisch.

Wieso die Caritas?!? Einer christlichen Organisation würde ich nie im Leben etwas geben! Bist Du sicher, dass die das Geld nicht auch missbrauchen? Missionieren die garantiert nicht?

So, und jetzt hast du schon ein Problem. Zwei NGOs, die ich aufgezählt habe, fallen zumindest in den Dunstkreis der religiös motivierten NGOs.

? Welches ist die zweite?

Die Frage ist nun, wo du die Grenze ziehst. Fallen NGOs, bei denen der Gründer hochreligiös war, weg?

Eher schon, kommt darauf an, wie sie sich heute verhalten. Im Zweifelsfall fallen sie weg.

Sind NGOs, die sich zusammen mit den grössten (staats-)kirchlichen Hilfswerken engagieren, indiskutabel?

Ja, für mich schonm indiskutabel. Daher habe ich z.B. auch die "Glückskette" aussortiert.

Ich leiste mir hier, wenn es um die Empfehlung für Geldspenden geht, einen gewissen "moralischen Freiraum", indem nur solche NGOs prinzipiell wegfallen, die sich in ihren öffentlichen Informationen (Broschüren, www) klar zu einem Missionsziel bekennen.

Da wäre ich vorsichtig, reden und handeln sind zweierlei. Im Verdachtsfall lasse ich es lieber sein mit der Spende.

Max Havelaar unterstütze ich dadurch, dass ich nur noch MH-Kaffee trinke (den von der Migros find ich ziemlich lecker) und MH-Bananen kaufe und auch durchgesetzt habe, dass in meiner Firma nur noch MH-Kaffee im Automaten ist.

Tue ich auch. Aber in der Firma habe ich nun keinen Einfluss mehr, Kaffee wurde "outgesourced".

Ganz besonders brutal unsympathisch ist mir zB World Vision.

Mir auch ;-)

Besser als alle Geldspenden finde ich allerdings, selbst aktiv zu werden. Spontan fallen mir folgende Aktionen ein, die nicht extrem viel Zeit benötigen und die in meinen Augen Sinn machen:

- Unterstützerbriefe für Amnesty International schreiben

Ja.

- Für entsprechende Intitiativen/Referenden Unterschriften sammeln. Die Unterschriftensammlung für das Referendum zum Asyl- und Ausländerrecht läuft beispielsweise… *mit Zaunpfahl wink*

Ja.

- Einmal im Monat Taxidienst für Spitex schieben

Ist das sinvoll? Das Gesundheitswesen in der Schweiz ist Staatsaufgabe und krankt ohnehin. Ich würde mich da nicht einmischen. Ausserdem ist Spitex-Taxidienst ein durchaus ehrenwerter Beruf. Entsprechend soll er auch bezahlt sein. Warum sollte man da jemandem mit Gratisarbeit den Arbeitsplatz kaputt machen?

- Im lokalen Tierheim hin und wieder Hundis ausführen

Warum nicht dem Tierheim Geld geben, damit sie jemanden einstellen können? So schafft man Arbeitsplätze! Die sind ohnehin knapp. Ich bin grundsätzlich gegen Gratisarbeit (auch vom Zivilschutz, oder gar vom Militär) überall dort, wo eigentlich richtige Arbeitsplätze (und sei es nur Teilzeit) geschaffen werden könnten! Lieber spende ich Geld für solche Arbeitsplätze.

- Auf chat.jesus.ch Diskussionen mit ChristInnen anfangen und den einen oder anderen dazu bringen, sich mit dem eigenen Glauben kritisch auseinanderzusetzen.

Ja. Aber es gibt bessere Orte für Diskussionen. Bei Extremisten bringen auch die besten Argumente nichts. Und wer geht wohl nach "jesus.ch"?

Ausserdem Re: … verursacht unsere Art zu Leben Schäden an Mensch, Tier und Umwelt, die mit Geld eigentlich nicht zu kompensieren oder reparieren sind. Geld ist bei vielen Problemen nicht die Lösung derselben, sondern vielmehr deren Ursache oder trägt zumindest nur oberflächlich dazu bei.

Na ja, man sollte natürlich bei der eigenen Arbeit und bei der Art, wie man Geld verdient, an moralisch- ethische Grundsätze halten. (NB: Dumme Mitmenschen ausnehmen ist meiner persönlichen Meinung nach kein Verstoss gegen solche Grundsätze, Dummheit verdient eine gewisse Strafe…)

Ich mag das Konzept "Geld" nicht so, merkt man das? :)

Geld ist ein sehr praktisches Tauschmittel, mit dem man Leistung und Waren einfacher tauschen kann. Mehr nicht. Stell Dir vor, Du müsstest im Coop immer drei Tage an die Kasse sitzen, um Deine Einkäufe mit Leistung statt mit Geld abzugelten. Das ist genauso unsinnig, wie wenn man selbst allen auf dieser Welt helfen wollte. Geld kann schon sinvoll sein. Die Frage ist, wie man dazu steht. Und wenn man mehr davon hat, als man selbst braucht, warum soll man es nicht einsetzen, um die Welt zu verbessern, wenn es eine Möglichkeit dazu gibt?

Antwort auf diesen Diskussionsbeitrag
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Re: Re: Re: "Entwicklungshilfe" (-> Morgenstern) (morgenstern)


Am 16.03.2006 13:41 schrieb morgenstern:

Am 2006-02-26 12:01:54 schrieb mrw:
Vielen Dank für die ausführlichen Erklärungen.

Ja, gern geschehen.

Man (Du oder ich oder zusammen…) sollte aus diesem Material mal einen Artikel schreiben zum Thema Entwicklungs-/Not-/-hilfe/-zusammenarbeit, was meinst Du, hättest Du Lust?

Sehr gerne! Werde versuchen, daraus einen etwas allgemeiner gehaltenen Text zu basteln und ihn dir bei Gelegenheit schicken.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Tsunami-Katastrophe


Und gerade da zeigen sich wieder die negativen Auswirkungen der humanitären Hilfe, auch wenn — oder gerade weil — die Spendebereitschaft und die Anteilnahme sehr hoch waren. Auch ich hatte mir damals viele Gedanken gemacht, wie ich sinnvoll helfen kann, bzw. wohin ich sinvollerweise spenden soll.

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