Atheismus in der Schweiz
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Re: Re: Re: Immer dieses mit dem Finger auf andere zeigen... (morgenster)

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Diskussionsbeitrag:

Am 14.04.2005 17:06 schrieb morgenster:

Hallo david.

Vergiss mal alle Hexenverbrennungen und Judenverfolgungen. Ich erzähl dir gern ein bisschen von heute. Du sprichst in deinen Posts die vielen positiven Dinge an, die kirchliche NGOs in Entwicklungs- und Schwellenländern so tun. Teilweise stimmt dies sogar. Meistens aber frage ich mich schon, wohin das führt.

Ich arbeite in einer konfessionell unabhängigen NGO, die auf vier Kontinenten Entwicklungszusammenarbeit (oder "Entwicklungshilfe", wie man das früher nannte) betreibt. Im Rahmen meiner Arbeit konnte ich vor allem in Bangladesh und Indien viel davon erfahren, wie kirchliche NGOs "Entwicklungsarbeit" verstehen.

Ein Beispiel, ein Dorf in Bangladesh, ca 20 südlich von Bogra. Extrem arm, niemand hat eigenen Boden, die Menschen werden von den eigenen Landsleuten unterdrückt, Hunger und Elend allenthalben. Alle sind Hindus, schon deshalb haben sie es nicht leicht im islamisch orientierten Bangladesh. Vor etwa zehn Jahren kamen islamische Missionare an, bekehrten die Dorfbewohner zum Islam, versprachen ihnen, ihr Leben werde besser, nachdem sie zum wahren Glauben gefunden haben. Wie man das in solchen Ländern handhabt, wurden die "heiligen Männer" natürlich fürstlich bewirtet, lebten für bengalische Verhältnisse wie die Könige. Nachdem alle Männer des Dorfes beschnitten waren, haben sich die islamischen Missionare verpisst und sich nie mehr blicken lassen - das Dorf war arm wie eh und je. In der Folge fühlten sich zwei christliche Missionsgruppen (die ersten waren 7-Tags-Adventisten, die zweiten ein Haufen Katholen) verpflichtet, das Dorf zu konvertieren. Beide Gruppen tauften die Leute gemäss ihren Vorstellungen, lebten ebenfalls ganz gut auf Kosten des Dorfes, liessen Kirchen bauen, erklärten den Leuten was richtig und was falsch ist, lösten noch fast einen Religionskrieg innerhalb des Dorfes aus und hauten ab, sobald die Quote an neuen Schäfchen erfüllt war. Das Dorf war danach so arm wie eh und je - ah stop, nein, rein bevölkerungsmässig hat das Dorf zugelegt, weil der eine Missionar seine Gene hinterliess.

Zeitsprung - vor drei Jahren. Meine Organisation kam hin und es dauerte geschlagene acht Monate, bis uns die Bewohner des Dorfes glaubten, dass wir ihnen nicht bloss eine neue Religion anhängen, sondern ihnen tatsächlich helfen wollen. Ein Kollege hat mir erzählt, dass sie bei der ersten Kontaktnahme mit Stöcken und Steinen aus dem Dorf gejagt wurden - derart die Schnauze voll hatten die Leute von "Hilfe".

Erneuter Zeitsprung - heute. Das Dorf ist geschlossen wieder zum Hinduismus zurückkonvertiert, hat wieder eine Kultur und Identität und es geht ihnen wirtschaftlich, gesundheitlich und gesellschaftlich besser als je zuvor. Nicht, dass ich nun den Hinduismus als eine "gute" Religion im Gegensatz zum Christentum sehen würde, aber es freut mich schon, zu sehen, dass die ganzen missionarischen Anstrengungen für die Katze gewesen und die Dorfbewohner nun halt beschnittene und doppelt getaufte Hindus sind.

Den Effekt, dass Entwicklungshilfe primär dann funktioniert, wenn nicht kirchliche Organisationen dahinterstehen, kannst du übrigens auf der ganzen Welt beobachten. Kirchliche NGOs sind primär an der "Rettung von Leben" interessiert, eine Verbesserung der Zukunftsperspektiven ist höchstens zweitrangig. Ein ganz besonders übles Beispiel ist die Haltung der RKK (bzw deren missionarischen Ablegern in Schwellenländern) gegenüber dem Kondom als Mittel zur AIDS-Prävention: Sie pflegen zwar die todgeweihten AIDS-Kranken, taufen sie vielleicht noch auf dem Sterbebett, verbieten aber gleichzeitig den Gebrauch von wirksamen Verhütungsmitteln. Kontrollierter und staatlich unterstützter Genozid ist das für mich, nichts anderes.

Ein anderes Beispiel, die Christoffel Blindenmission (www.christoffel-blindenmission.de). Grundsätzlich eine gute Sache, man bildet Augenärzte aus, heilt arme Leute von Augenkrankheiten, wundersuper. Gott oder Jesus tauchen, auch auf der Homepage, nicht auf, also eine Sache, bei der man auch als AtheistIn/AgnostikerIn/FreidenkerIn bedenkenlos Geld spenden kann - oder?

Nicht ganz. Schauen wir mal in der "Theologischen Grundlegung" nach, steht da klar und deutlich: "Der Verein führt das Werk von Pastor Ernst J. Christoffel fort, der 1908 im Orient die missionsdiakonische Arbeit für Blinde, anders Behinderte, Kranke und Notleidende begann. Er versteht sich als eine Dienstgemeinschaft von Christen verschiedener Glaubensprägung, die in der Nachfolge Jesu Christi die Botschaft von der Liebe Gottes in Wort und Tat verkündigen."

Hoppla. Aber im nächsten Absatz werden sie noch deutlicher: "Re: Der Verein verfolgt den Zweck, Behinderten und Hilfsbedürftigen, insbesondere Blinden und Augenkranken, ohne Ansehen des Glaubens, der Rasse, des Geschlechts oder der Nationalität christliche Liebe zu erweisen und zur Ausbreitung des Evangeliums beizutragen." Aha, daher weht der Wind also. Die ganze Augenheilerei ist eigentlich nur Nebengeschäft, praktisch zur Spendengewinnung und zur Imagepflege, aber eigentlich gehts darum, den "armen Negerli" den Jesus einzutreiben. Gerade im Zusammenhang mit Augenkrankheiten ist Mission etwas ganz Hinterhältiges: Wenn ich seit 30 Jahren blind in der Gosse von Dhaka lebte und mich eines Tages jemand heilen würde, dieser Jemand vom "Licht das in die Welt kommt" sprechen und mich nur wenig beeinflussen würde - wahrscheinlich würde ich die Religion dieses Jemands so schnell annehmen, wie ich könnte - aus Dankbarkeit oder blossem Staunen über die magischen Fähigkeiten des Gottes dieses Jemands.

Meiner Meinung nach Etikettenschwindel pur. Und die CBM ist hier bloss ein Beispiel von vielen - noch nicht mal das übelste.

Ein Hauptgrund, warum es primär kirchliche NGOs sind, die in Entwicklungs- und Schwellenländern Hilfe leisten, ist die simple Tatsache, dass nicht-kirchliche NGOs von staatlicher Seite weniger unterstützt werden. Dem Staat ist es lieber, Geld in kirchliche Organisationen zu buttern, bei denen er "ungefähr weiss, woran er ist", als dieses Geld nicht-kirchlichen Organisationen zur Verfügung zu stellen. Dass dieses "wissen, woran man ist" meistens auf Fehleinschätzungen und liebgewonnenen Traditionen (aka Seilschaften) beruht, sei hier nur am Rande bemerkt. Und zum Glück findet hier langsam aber sicher ein Umdenken statt.

Was ich an kirchlichen NGOs am meisten kritisiere, ist ihre verdammte Kurzsichtigkeit (die CBM ist hier noch eine löbliche Ausnahme). Es reicht nun mal nicht, dem Hungernden ein Stück Brot zwischen die Zahnreihen zu schieben, im Gegenteil, damit schwächt man sogar noch die Gesellschaft als Ganzes. Der afrikanische Kontinent ist ein gutes Beispiel dafür, wie Missionen ganze Regionen in die Abhängigkeit von ihnen getrieben haben.

Du fragst, wer von uns schon mal einem AIDS-Kranken den Arsch gewischt habe. Nunja, ganz so derbe wars nicht, aber immerhin habe ich schon viele Monate Arbeit in den Aufbau einer IT-Infrastruktur in Bangladesh gesteckt (vor allem Installation und Ausbildung von lokalen Spezis), arbeite ehrenamtlich hier in der Schweiz mit Sucht- und Alkoholkranken und schaue halt mal genauer hin, bei wem ich mein täglich Brot kaufe. Ausserdem erachte ich auch meine Arbeit als "Konter-Missionar" durchaus auch als Arbeit für das Wohl der Menschheit. Nicht jedeR ist für jede Art von Arbeit qualifiziert - was bringt es, wenn ich kotzend und würgend in einem Spital herumstehe, wenn ich gleichzeitig im Büro nebenan tatsächliche Hilfe leisten könnte? Und wenn Du schon so fragst: Was war denn bisher DEIN konkreter Beitrag zu einer besseren Welt? Beten und/oder Missionieren zählt nicht.

Letzthin war ich im Zug hinter einem Haufen ICF-KampfchristInnen. Da war doch tatsächlich die Rede von "Missionsferien". Das heisst, Leute steigen mit viel Enthusiasmus im Herzen und der Bibel in der Hand in ein Flugzeug, um in einem fremden Land zu missionieren. Noch viel wilder, bei der einen Frau gings konkret um Saudi-Arabien, wirklich kein guter Boden, um Christentum zu säen. Auf die Frage ihrer KollegInnen, ob sie denn nicht Angst habe, meinte sie: "Ich tue den Menschen ja etwas Gutes, und wenn ich sterbe - nun, dann ist es Gottes Wille, und somit ein Märtyrertod." Na super. Genauso hirnamputiert wie islamische Selbstmordattentäter, aber wenigstens bringen sie nur sich selbst um…

Noch was zum Thema "ihr seht nur immer das Negative am Christentum". Es reicht halt einfach nicht, Gutgemeintes zu tun, um auch gut zu sein. Der olle Adolf meinte auch in bester Absicht, dass es zum Wohle der gesamten Menschheit sei, wenn sich die Arier zu Herrschern über Europa machen. "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen" - so in der Art. Dass Adolf und Konsorten damit tief in die Scheisse gelangt haben, siehst du ja wohl auch.

Man kann von jeder Ideologie, von jeder Religion das Gute herausstreichen. Auch beim Nationalsozialismus kannst du, wenn du willst, positive Punkte finden. Was am Schluss zählt, ist aber, was langfristig an Positivem erreicht wird. Sowohl der Nationalsozialismus nach 50 Jahren wie auch das Christentum nach mehr als 2000 loosen hier aber gnadenlos ab.

Und bitte komm jetzt nicht mit der Theorie "Du kennst nur falsche Christen, meine Kirche/Bibelgruppe/Glaubensgemeinschaft/Sekte/whatever aber pflegt das WAHRE Christentum!" Um die Basis deiner Religion zu zitieren: "An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen." Das tue ich. Im Fruchtsalat der Religionen habe ich verdammt viele Früchte gekostet und alle haben durchwegs einen fauligen Beigeschmack.

Übrigens: Dein Argument (die Bibel als CNN, Braveheart, etc) ist ein Ausweichmanöver ohnegleichen. Wenn sie tatsächlich das "Wort Gottes" ist, wäre sie das in ihrer Ganzheit, inklusive der Stellen, an denen dein Gott Blutopfer (bzw "die Vorhäute ihrer Feinde") fordert. Die Teile der Bibel, die dir nicht passen, einfach auszuklammern, wäre dir eigentlich als Blasphemie auszulegen… Und wer sagt dir denn, dass dein urplötzlich pazifistisch gewordener Gott nicht doch eines Tages wieder Lust auf Vorhäute und niedergemetzelte Feinde bekommt? Er hat seine Meinung ja schon einmal geändert (allwissend? Aha…), wer sagt dir, dass er das nicht wieder tun wird? Ausserdem: Im Buch der Offenbarung gehts ja ziemlich rund zu und her, und das bezieht sich ja offensichtlich auf zukünftige Ereignisse. Also: erst ist dein Gott ein Schlächter, dann ein Pazifist, dann ein Richter und zum Schluss wieder blutiger Henker? Doch doch, in sich konsistent ist er, das muss man ihm lassen…

Ah, und deine "Erklärung" mit "leben" und "nicht-leben" ist mir, ehrlich gesagt, etwas zu mystisch, da blicke ich kleines Licht, wohl mangels einschlägiger Indoktrination, nicht durch.

Und zum Schluss noch was zum "Liebesbeweis freier Wille". Ist ja wirklich toll. Dummerweise aber ist freier Wille, sobald er an Bedingungen geknüpft ist, definitionsgemäss nicht mehr frei. Um eine kleine Analogie zu bemühen: Ich gebe meinem Sohn die Freiheit, selbständig zu entscheiden, wie er sein Leben leben will. Entscheidet er sich aber für einen Lebensstil, der mir nicht zusagt (er wird zB Neonazi oder Mormone), wende ich mich von ihm ab und lasse ihn in der emotinalen Hölle braten. Der einzige Weg, dass er meine Liebe wieder zurückgewinnt, ist, dass er seinem jetzigen Leben abschwört. Meine Liebe zu ihm ist also direkt damit verknüpft, ob er mir bedingungslos nachfolgt. Liebesbeweis? Freier Wille? LOL.

Schönen Tag noch.

Antwort auf diesen Diskussionsbeitrag
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Re: Re: Re: Re: Immer dieses mit dem Finger auf andere zeigen... (Pegasos)


Am 15.04.2005 22:28 schrieb Pegasos:

Willkommen im Forum. Es ist immer wieder schön, etwas frischen Wind hier hereinzubekommen. Ist sonst so einsam hier.

Zu deinem Beitrag fällt mir auf Anhieb nur ein Wort ein: Respekt!

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